• K1600 Friedhof Hinte 29.05.2012 Rodrian 2

Trauer, Tod und Sterbekassen

Die letzte Reise

In einigen ländlichen Gebieten Ostfrieslands sind die Bräuche im Falle des Ablebens eines Menschen innerhalb der Gemeinschaft noch fest geregelt und gut organisiert.

Allerdings kommt dies immer seltener vor, da circa 80 Prozent der Menschen in der Region nicht mehr zu Hause, sondern im Krankenhaus versterben und alles weitere dort Bestattungsunternehmen organisieren.

Verstirbt ein Mitglied der Dorfgemeinschaft, so ist es die Aufgabe der anliegenden Nachbarn zur Rechten und Linken, die Angehörigen, weiter entfernte Nachbarn und den Bestatter über den Tod der Person zu benachrichtigen und sie durch das Nögen einzuladen. Die Nachbarn übernehmen weiterhin Aufgaben wie das Inleggen, das Einsargen, die Aufbahrung, die Beerdigung, das Tragen und die Einlassung des Sarges in das Grab, die Reinigung des Trauerraumes, die Teetafel oder das Doden verlüden. Nur in wenigen Orten gibt es noch das Amt des Dodenbidders, also des Totenansagers, der die genannten Aufgaben anstelle von Nachbarn oder eines Bestatters übernimmt. Beim Dodenbidder handelt es sich in Ostfriesland um ein hochgeachtetes Ehrenamt. Zu seiner Aufgabe gehört weiterhin, die Beiträge für die Sterbekasse dort einzusammeln, wo diese Tradition noch gepflegt wird. Sterbekassen entstanden Ende des 19. Jahrhunderts aus der wirtschaftlichen Not heraus, um im Falle des Verlustes eines Angehörigen auch die Kosten der Beerdigung tragen zu können. Auch im 21. Jahrhundert sind Sterbekassen mancherorts in Ostfriesland üblich. Das Einzahlen der Beiträge wird allerdings unterschiedlich gehandhabt. Ist in der Krummhörn der Beitrag ein Mal pro Jahr fällig, so wird er andernorts, wie zum Beispiel in Firrel, nur im Bedarfsfall erhoben. Das Einzahlen erfolgt freiwillig, wobei der eingesammelte Betrag der Trauerfamilie übergeben wird. Im Jeverland trägt der Dodenbidder die Bezeichnung des Laders, ein Amt, das in vielen Familien über Generationen vererbt wurde.

Weitere Bräuche

  • K1600 L2 Ryusmer Landstraße 1.6.2012 Foto Rodrian 9

    Inleggen – Einsargen – Aufbahren

    Bleibt der Verstorbene im Haus und wird nicht vom Bestatter abgeholt, dann lädt der Dodenbidder zum Inleggen ein. Der Tote wird für die Beerdigung hergerichtet, das heißt er wird gewaschen, ihm wird sein bestes Kleidungsstück angezogen, und der Blumenschmuck wird aufgestellt. Das Inleggen ist dem sogenannten Einsargen oder Aufbahren vergleichbar. Auch im 21. Jahrhundert ermöglicht […]

    Borkum, Drinkeldodenkarkhoff. Foto: Katrin Rodrian

    „Strandgut oder was das Meer so hergibt… Drinkeldodenkarkhoff“

    Der Umgang mit Verstorbenen, die vom Meer an den Strand angespült wurden, war für die Küstenbewohner nie ganz einfach. Waren die Toten Christen oder nicht? Da die Friedhöfe ausschließlich Christen vorbehalten waren, wurden die anonym Angespülten traditionell ohne Feier und ohne Sarg auf dem Drinkeldodenkarkhoff, also einer eigens zu diesem Zweck eingerichteten letzten Ruhestätte, beigesetzt. […]

    5

    Geburt und Taufe

    Beim Sakrament der Taufe wird das neugeborene Kind in die christliche Gemeinschaft aufgenommen und erhält seinen ersten kirchlichen Segen. Die Wurzeln dieses Ritus liegen bei Johannes dem Täufer, als er vor nicht ganz 2000 Jahren Jesus im Jordan taufte. Auf einigen Inseln ist es heutzutage ebenfalls möglich, die Taufe am Strand direkt am Meer zu […]

    Foto Katrin Rodrian 2012 6

    Puppvisiet und Kinnertöön mit Bohntjesopp

    Einige Wochen vor der Geburt des Kindes werden besondere Vorbereitungen für Geburt und Taufe getroffen. Dazu werden Rosinen und Kluntjes in einen Püllpott genannten Steingutkrug in Branntwein eingelegt. Grundlage für dieses als Bohntjesopp bekannte Getränk ist der Oostfreeske Brannwien, eine dem Branntwein ähnliche Mischung. Dieser wird aus Korn und Kartoffeln oder Rüben gebrannt und mit […]

  • Plumboom-Brauch zur Einschulung, Foto: Katrin Rodrian

    Pluumboom up de Schoolböhn

    Bis 1967 wurden in Norddeutschland die Kinder bereits nach Ostern eingeschult. Erst danach erfolgte die europäische Regelung, die Einschulung nach den großen Sommerferien durchzuführen. Der Brauch, den Kindern zum Eintritt in das Schulalter eine Tüte mit Süßigkeiten mit auf den neuen Lebensweg zu geben, um ihnen den Einstieg zu erleichtern, findet im 21. Jahrhundert in Ostfriesland […]

    Hochzeitsbogen 2

    Hochzeit

    Die Hochzeit bildet nicht nur im Wortsinne den Höhepunkt im Lebenslauf vieler Menschen. Die Gemeinschaft nimmt die neu gebildete Zweisamkeit traditionell zum Anlass, den Akt der Vermählung mit vielerlei Bräuchen zu umrahmen. So bilden sie beim Austritt des Hochzeitspaares aus der Kirche oder dem Standesamt ein Spalier mit Gegenständen, die Bezug auf den Beruf oder […]

    Dscf0642

    Von der „alten Schachtel“ bis zur „alten Socke“

    Geburtstag 25 Jahre und immer noch nicht verheiratet – Alte Schachtel Das ist auch heute der Zeitpunkt, zu dem die Gemeinschaft junge Menschen darauf hinweist, was ihre „wahre Bestimmung“ ist, nämlich sich „auf ewig zu binden“ und eine Familie zu gründen. Alle Bräuche rund um diesen Geburtstag sind Anlass, ein Zeichen zu setzen und sie […]

    Goldene Hochzeit Boßler Emden Rodrian 8.6 (2)

    Ein Bogen für die neuen Nachbarn

    Ziehen neue Nachbarn in de Kuntrei, das heißt Umgebung, so nimmt die Gemeinschaft dies zum Anlass, einen Bogen zu bauen. Zwei, drei Tage vor dem Ereignis versammeln sich die Männer aus der Straße meist in der Garage des direkten Nachbarn und zimmern aus Holzlatten ein Bogengestell oder binden Tannenzweige um ein Seil. Die Frauen hingegen […]

  • 5

    Die Einholung – aus dem Lebenslauf eines Pastors

    Tritt der neue Pastor sein Amt in einer Kirchengemeinde in Ostfriesland an, so holen die Mitglieder der Kirchengemeinde ihren neuen Pastoren bei der Gemeindegrenze ab und bringen ihn zur Kirche bzw. zu seiner Pfarrstelle. Am Tag zuvor erstellten sie ihm einen Bogen, der zum Empfang an der Tür des Pfarrhauses angebracht wurde. Noch bis in […]

    Hahn Auf Dem Reformierten Kirchdach Rodrian 08.06, (7)

    Wetterschwäne, Hähne und Schiffe auf ostfriesischen Kirchendächern

    In Ostfriesland lassen sich die Konfessionen bereits an den Kirchtürmen ablesen: Rund 80 Wetterschwäne leuchten auf den evangelisch-lutherischen Kirchtürmen in Ostfriesland. Anders als die Kreuze und manchmal Wetterhähne auf den katholischen Kirchturmspitzen und Hähne oder Schiffe auf evangelisch-reformierten Kirchen symbolisieren die Schwäne den Reformator Martin Luther. Diese Tradition geht auf den tschechischen Reformator Johannes Hus […]