• Straßenszene in Berlin N - Zur Mutter Erde, Heinrich Zille 1905 (Foto: Ostfriesische Landschaft)

Bild des Monats: Juni 2024

"Straßenszene in Berlin N - Zur Mutter Erde" (Heinrich Zille, 1905)

Als Heinrich Zille (1858-1929) – von wohlwollenden Zeitgenossen liebevoll „Pinselheinrich“ genannt – 1905 diese Berliner Straßenszene in dem von ihm bevorzugten Sujet der proletarischen Unterschicht schuf („Zille sein Milljöh“), tobte einige hundert Kilometer weiter westlich im Ruhrgebiet gerade der große Bergarbeiterstreik. Denn das Leben der einfachen Leute im Deutschen Kaiserreich war Anfang des 20. Jahhunderts alles andere als rosig.

Zwar hatte Reichskanzler Otto von Bismarck bereits einige Jahre zuvor eine Sozialversicherung eingeführt, um dem Sozialismus den Wind aus den Segeln zu nehmen, aber das war nur ein Tropfen auf den heißen Stein angesichts der prekären Lage weiter Bevölkerungskreise. In den Eldendsviertel der Großstädte mangelte es an allem und Kindersterblichkeit war an der Tagesordnung. Das ist auch das Thema des Bildes, auf dem sich ein kleiner Leichenzug mit einem Kindersarg den Weg durch eine heruntergekommene Straße bahnt, zugleich neugierig als auch gleichgültig beäugt von den umherstehenden Frauen und Kindern. Die Sozialkritik Heinrich Zilles ist hier unverkennbar. Im Elend stumpft man eben ab und interessiert sich nicht für das Unglück des Nachbarn – von Solidarität keine Spur.

Die abgebildete Grafik gehört zu Zilles im gleichen Jahr erschienenen Serie „Das dunkle Berlin“. Die Bild trägt auf anderen Drucklegungen einen Untertitel, welcher auf dem vorliegenden Exemplar allerdings nicht vorhanden ist: „Besauft euch nicht! Und bringt den Sarj wieda. De Müllern ihre Möblierte braucht’n morjen ooch.“

"Straßenszene in Berlin N - Zur Mutter Erde", Mehrfarbdruck, 45,5 x 16,7 cm. Heinrich Zille 1905 (Foto: Ostfriesische Landschaft)
„Straßenszene in Berlin N – Zur Mutter Erde“, Mehrfarbdruck, 45,5 x 16,7 cm. Heinrich Zille 1905 (Foto: Ostfriesische Landschaft)

Weitere Bilder des Monats

  • "Kulturlandschaft", Dieter Zirkel 1981 (Foto: Ostfriesische Landschaft)

    Bild des Monats: Mai 2024

    Als Dieter Zirkel (*1941), der in seinen düsteren Werken den Geist einer unsicheren Zeit spiegelt, 1981 diesen Siebdruck schuf, gewann der Kalte Krieg, der sich nach dem Ende des Vietnamkrieges etwas entspannt hatte, wieder zusehends an Schärfe. Sowjetische Truppen waren 1979, zwei Jahre zuvor, in Afghanistan einmarschiert. Gleichzeitig hatten die USA mit der Islamischen Revolution […]

    "Mutter und Kind" Heinrich Nauen, 1919 (Ola 70572)

    Bild des Monats: April 2024

    Als Heinrich Nauen (1880-1940), der durch seine farbenfrohen Bilder als einer der bedeutendsten Vertreter des Rheinischen Expressionismus die Kunstfreunde seiner Zeit begeisterte, dieses Bild einer offenkundig traurigen und erschöpft wirkenden Frau mit ihrem Baby als schwarz-weiße Radierung 1919 fertigte, war der Erste Weltkrieg gerade vorüber und Europa lag in Trümmern. Nachdem er in der Vorkriegszeit […]

    Ola 70026

    Bild des Monats: März 2024

    Als Ernst Barlach (1870-1938), der durch seine ausdrucksstarken, zutiefst humanistischen Plastiken und Bilder zu Weltruhm gelangte, 1912 die Lithographie „Die Puppe“ schuf, hatte er gerade sein Drama „Der tote Tag“ vollendet. Denn weniger bekannt ist: Ernst Barlach war auch Schriftsteller. Die abgebildete Lithographie erschien als sechste Illustration in Barlachs Drama, welches von der nordischen Mythologie […]

    Ola 70151

    Bild des Monats: Februar 2024

    Als Lovis Corinth (1858-1925), einer der einflussreichsten Vertreter des Impressionismus und der Berliner Secession, diese Farblithographie gegen Ende seines Lebens verfertigte, hatte er sich schon seit einiger Zeit ausführlich mit der griechischen Mythologie befasst. 1919 beispielsweise war eine Sammlung von Kaltnadelradierungen zu antiken Legenden entstanden. Mythologische Sujets galten dem Künstler, der in der Zeit des […]

  • Sur la Plage à Berneval (Pierre-Auguste Renoir)

    Bild des Monats: Januar 2024

    Als Pierre-Auguste Renoir (1841-1919) die Radierung verfertigte, war er in seinen Fünfzigern und litt bereits seit einigen Jahren an rheumatoider Arthritis. Trotz der fortschreitenden Erkrankung, die ihn schlussendlich an den Rollstuhl fesseln sollte, arbeite er unermüdlich weiter. Nach eigenen Angaben ließ er sich dafür gegen Ende seines Lebens sogar täglich den Pinsel an die Hand […]