„Zu viel Vernunft kann Wahnsinn sein – und das Wahnsinnigste von allem: das Leben so zu sehen, wie es ist, und nicht so, wie es sein sollte!“ (Miguel de Cervantes Saavedra: Don Quijote)
Das Bild des Monats März 2026 erscheint in einer Zeit, in der vielerorts noch der Jahresbeginn nach dem chinesischen Kalender gefeiert wird. Am 17. Februar 2026 hat das Jahr des Feuer-Pferdes begonnen, ein Jahr, das im chinesischen Kulturkreis für Energie, Mut und Aufbruch steht. Diese Symbolik fügt sich auf anregende Weise in die Jahreszeit, denn mit dem beginnenden Frühling erwacht die Natur zu neuem Leben, und vieles, was im Winter verborgen blieb, tritt wieder hervor. In dieser Atmosphäre des Neubeginns wirkt es besonders passend, dass das nun vorgestellte Werk ein Pferd in den Mittelpunkt stellt: Rosinante, das berühmte Reittier des Don Quichotte.
Der Linolschnitt „Don Quichotte“ des Künstlers Herbert Dunkel entstand 1963 und zeigt eine abstrakte Schwarz-Weiß-Darstellung, in deren Zentrum die langgestreckte, feingliedrige Figur des Don Quichotte auf seinem schmalen Pferd sitzt. Die spitze Nase, das markante Kinn und der nach oben gebogene Schnurrbart verleihen ihm eine fast maskenhafte Erscheinung. In seiner Hand hält er einen langen, dünnen Speer, der an seine berühmten Kämpfe gegen Windmühlen erinnert. Im Hintergrund taucht eine weitere Reiterfigur auf, während am unteren Bildrand mehrere Köpfe angedeutet sind. Links ist ein Fisch zu erkennen, hinter dessen Schwanzflosse eine Hand hervorragt, und rechts oben ein kräftig umrandeter Kreis. Diese Elemente wirken wie Fragmente einer symbolischen Erzählung, die sich nicht vollständig entschlüsseln lässt und doch eine innere Logik besitzt, die typisch für Dunkels ornamentale Bildsprache ist. Der Druck wurde 2004 als Nachlassdruck von der Originalplatte durch die Graphische Gesellschaft Leer hergestellt und gelangte als Schenkung des Freundeskreises Herbert Dunkel in die Sammlung.
Das Werk gehört zu einer Reihe von Linolschnitten, die Dunkel unter dem Titel „Afrikanische Mythologie“ zusammenfasste. Diese Arbeiten entstanden nach seiner Afrikareise im Jahr 1960 und zeigen, wie intensiv ihn die dortigen Eindrücke beschäftigten. Dunkel entwickelte eine eigene, ornamentale Formensprache, die von maskenhaften Gesichtern, raumgreifenden Armbewegungen und symbolhaften Einzelmotiven geprägt ist. Häufig zeigen die Linolschnitte tanzende oder kämpfende Figurengruppen, manchmal auch Einzelmotive wie eine Holzmaske oder einen Fisch. Viele dieser Darstellungen knüpfen an Beobachtungen von Festen oder rituellen Vorgängen verschiedener Völker an, ohne sie zu imitieren. Vielmehr setzte Dunkel volkstümliche, traditionelle Formen in eine neue, eigenständige Bildsprache um, die seine persönliche künstlerische Handschrift trägt.
Herbert Dunkel, 1906 in Berlin geboren, wuchs in einem Umfeld auf, das von Kunst und Kultur geprägt war. Sein Vater war Stadtarchitekt und Kustos am Märkischen Museum, wodurch Dunkel früh mit archäologischen Funden, Museumsarbeit und künstlerischen Kreisen in Berührung kam. Nach verschiedenen beruflichen Stationen und einer technischen Ausbildung fand er nach dem Zweiten Weltkrieg in Ostfriesland seine künstlerische Heimat. Er arbeitete als freischaffender Künstler und Kunsterzieher, war Mitbegründer des BBK Nordwestdeutschland und prägte das regionale Kunstleben nachhaltig. Das Jahr 1963, in dem der Linolschnitt entstand, war eine Zeit gesellschaftlicher Veränderungen: wirtschaftlicher Aufschwung, neue kulturelle Offenheit und ein wachsendes Interesse an globalen Perspektiven. Dunkels Beschäftigung mit afrikanischen Motiven fügt sich in diese Phase der Neugier und des kulturellen Austauschs ein.
In der heutigen Debatte um kulturelle Aneignung wird häufig über problematische Formen der Übernahme kultureller Elemente gesprochen. Doch es gibt auch eine produktive, respektvolle Form des Austauschs, die kulturelle Vielfalt sichtbar macht und neue Perspektiven eröffnet. Dunkels Linolschnitte lassen sich in diesem Sinne lesen: nicht als Aneignung im negativen Sinn, sondern als künstlerische Resonanz auf Erlebtes, als Versuch, Eindrücke anderer kultureller Ausdrucksformen in eine eigene Bildsprache zu überführen.
Auch die Figur des Don Quichotte selbst bietet einen zeitlosen Bezugspunkt. Miguel de Cervantes’ Romanheld ist ein Idealist, ein Träumer, ein Mensch, der die Welt nicht nimmt, wie sie ist, sondern wie sie sein könnte. Seine Geschichte erinnert daran, dass Mut und Irrtum oft nah beieinander liegen, dass Ideale Orientierung geben können, selbst wenn sie weltfremd erscheinen, und dass die Welt immer auch das ist, was wir in ihr zu erkennen glauben. Dunkels abstrakte Darstellung verstärkt diesen Gedanken, indem sie Don Quichotte nicht als komische Figur zeigt, sondern als Symbol für den Menschen, der sich trotz aller Widerstände auf den Weg macht.
So verbindet das Bild des Monats März 2026 auf besondere Weise die Symbolik des Pferdes im Jahr des Feuer-Pferdes, die literarische Kraft des Don Quichotte, die kulturelle Offenheit der 1960er Jahre und Herbert Dunkels eigenständige künstlerische Handschrift. Der Linolschnitt lädt dazu ein, über Idealismus, kulturelle Begegnung und die Kraft der Imagination nachzudenken – Themen, die damals wie heute nichts von ihrer Bedeutung verloren haben, und die im beginnenden Frühling eine zusätzliche Resonanz entfalten, wenn vieles neu entsteht und Aufbruch spürbar wird.

„Don Quichotte“, Herbert Dunkel 1963, 28 x 18,5 cm, OLA 70186

























