„Ich habe drei Stühle in meinem Haus: einen für die Einsamkeit, zwei für die Freundschaft und drei für die Gesellschaft.“
(Henry David Thoreau)
Martin Pudenz, geboren 1948, hat sich aus einer klassischen Fotografenlehre und frühen Stationen als Theater‑ und Porträtfotograf zu einem freischaffenden Bildkünstler entwickelt, der eine malerische Bildauffassung mit der Pflege historischer Edeldruckverfahren verbindet. Seine Arbeit bewegt sich zwischen analoger Handwerkskunst und inszenierter Bildfindung. Das Streben nach Unikaten und die Auseinandersetzung mit Großformattechniken prägen seine Praxis. Vor diesem Hintergrund erscheint die Polaroid‑Großphotographie „Neunmalklug, i. orange“ plausibel in einer Entstehungszeit, in der Pudenz seine Bildsprache gefestigt und mit analogen, einmaligen Verfahren experimentierte — vermutlich in den späten 1990er bis frühen 2000er Jahren. Das Bild zeigt einen hellbeigen bis weißen Stuhl mit einer Rückenlehne, deren drei senkrechte Sprossen die Bildmitte rhythmisieren (Zur Symbolik des „Stuhls“ siehe auch Bild des Monats Juli 2024). Auf der Sitzfläche liegen neun Orangen in strenger, geometrischer Anordnung vor einem tiefblauen Raumhintergrund. Die Polaroid‑Technik verleiht dem Arrangement eine einmalige Materialität: Oberfläche, Licht und Farbe sind unmittelbar und taktil erfahrbar.
Bei genauer Betrachtung offenbart das Werk eine sorgfältig austarierte Formensprache. Die Dreiteilung der Lehne antwortet auf die Neunerstruktur der Früchte, horizontale und vertikale Linien begegnen den kreisrunden Formen der Orangen, und der chromatische Kontrast von warmem Orange und kühlem Blau erzeugt eine räumliche Spannung, die das Auge lenkt. Die geometrische Anordnung der neun Früchte wirkt ritualisiert; sie ordnet das Bild, ohne es zu erklären, und schafft so eine stille, fast mathematische Ruhe. Die Wahl des Polaroids betont die Singularität dieses Moments: das Bild ist wie ein fotografisches Unikat, das einen inszenierten Augenblick konserviert und zugleich die Vergänglichkeit der Früchte sichtbar macht.
Die Zahl neun trägt in vielen kulturellen Kontexten die Konnotation von Vollendung, Zyklus und dreifacher Potenz. Als Abschluss der einstelligen Zahlenreihe steht sie für Reife und Ganzheit. In mythologischen Erzählungen und rituellen Strukturen taucht die Neun wiederholt als Ordnungsprinzip auf, das Welten, Stufen oder Initiationen zusammenhält. Beispiele solcher kultureller Resonanzen reichen von Kosmologien, die mehrere Sphären oder Welten in neunfache Gliederungen fassen, bis zu Ritualen, in denen dreifache Wiederholungen oder neunfache Anordnungen Übergänge markieren. In Pudenz’ Komposition wirkt die Neun deshalb nicht nur als formale Wahl, sondern als rituelle Setzung: die Früchte bilden ein geschlossenes Feld, das Ganzheit suggeriert, ohne narrativ zu werden.
Orangen sind zugleich sinnliche und kulturelle Zeichen. Auf der sinnlichen Ebene stehen sie für Leiblichkeit, Duft, Geschmack und Vergänglichkeit. Ihre runde Form evoziert Zyklus und Ganzheit, die Schale als Hülle verweist auf Schutz und das Verborgene. Kulturell sind Zitrusfrüchte vielfach mit Fruchtbarkeit, Wohlstand und Sonnenkraft verbunden. In Festen und Ritualen fungieren sie oft als Gaben oder Glückssymbole, in der Kunstgeschichte markieren sie nicht selten Luxus und exotischen Reichtum. In Pudenz’ Bild wird die orange Farbe zur konzentrierten Energiequelle: sie kontrastiert nicht nur chromatisch mit dem Blau, sondern fungiert symbolisch als konzentrierte Lebenskraft, die in geordneter Form dargeboten wird.
Der Stuhl ist ein anthropologisch dicht besetztes Objekt: er markiert Sitz, Status und Autorität, kann aber als leerer Sitz auch Abwesenheit, Erinnerung oder Erwartung signalisieren. In zeremoniellen Kontexten fungieren Sitze als Thron oder symbolischer Platz für eine Person oder Idee. In der Alltagskultur sind sie Orte des Zusammenkommens. Auf dem Polaroid „Neunmalklug, i. orange“ ordnet der Stuhl die Früchte, gibt ihnen eine Bühne und trennt sie zugleich vom menschlichen Körper, der normalerweise auf ihm säße. So werden die Orangen zu Stellvertretern menschlicher Präsenz: dargebotene Gaben, die an die Betrachtung selbst adressiert sind und die Leerstelle des Subjekts sichtbar machen.
Anthropologisch erinnert die Szene an Festtafeln, Opferaltäre und kultische Präsentationen, in denen Zahl, Farbe und Platzierung soziale Ordnungen markieren. Pudenz reaktiviert diese Praxis in säkularer Form, entmythologisiert sie und macht das Ritual zur ästhetischen Erfahrung.
Im Blick auf die Gegenwart wirkt „Neunmalklug, i. orange“ als Mahnung zur Achtsamkeit gegenüber dem Alltäglichen und als Reflexion über die Art, wie wir heute Bedeutung herstellen. In einer Zeit, in der Bilder schnell konsumiert und digitale Reproduktionen die Einmaligkeit entwerten, erinnert Pudenz analoger Ansatz an die Würde handwerklicher Präsenz und an die Kraft der Langsamkeit. Die Neun mahnt an Vollendung und Reflexion, die Orangen an Leiblichkeit und Vergänglichkeit, der Stuhl an soziale Rollen und an die Lücke, die das Subjekt hinterlässt. Zusammen bilden die einzelnen Bestandteile des Arrangements eine stille Allegorie unserer Gegenwart: wir ordnen, wir symbolisieren, wir konservieren Momente als Unikate — und in diesem Prozess offenbart sich, was wir als wichtig erachten.

„Neunmalklug, i. orange“, Martin Prudenz, Polaroid-Großfotographie o.J., 50 x 60 cm, OLA 70670


























