„Komm, preisvoller Odysseus, du großer Ruhm der Achäer, lenke dein Schiff ans Land und horche unserer Stimme.“ (Homer: Odyssee, 12. Gesang)
Eduard Bargheer (1901-1979) hat mit seiner Farbradierung „Odysseus“ aus dem Jahr 1972 ein Werk geschaffen, das die antike Mythologie mit den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts und zugleich mit zeitlosen Fragen menschlicher Existenz verbindet. Das Blatt zeigt die berühmte Szene aus Homers Odyssee: Ein Schiff mit Rudern und Mast, an dem Odysseus festgebunden ist, während die Sirenen mit ihren vogelhaften Körpern und menschlichen Köpfen ihn bedrängen. Ein weiteres Wesen stürzt kopfüber auf das Schiff, während der Steuermann und die Ruderer den Kurs halten. Es ist ein Bild voller Spannung, in dem die Bedrohung und die Standhaftigkeit des Helden unmittelbar spürbar werden.
Bargheer war ein Künstler, dessen Leben von den politischen und kulturellen Umbrüchen seiner Zeit geprägt war. Früh beeinflusst vom Expressionismus, suchte er nach einer Bildsprache, die Licht und Farbe als tragende Kräfte verstand. Seine Reisen nach Italien und Paris öffneten ihm den Blick für mediterrane Kultur und Kunst. Die Zeit des Nationalsozialismus brachte Brüche: Seine Werke wurden als „entartet“ diffamiert, er ging ins Exil nach Italien. Nach dem Krieg pendelte er zwischen Hamburg und Ischia, wo er Ehrenbürger wurde. Seine mosaikartigen Aquarelle und meisterhaften Radierungen zeigen eine Balance von Form und Farbe, die Harmonie und Widerstand zugleich ausdrückt. In „Odysseus“ greift er auf einen Stoff zurück, der über Jahrtausende hinweg seine Gültigkeit bewahrt hat.
Die Gestalt des Odysseus, der listige König von Ithaka, ist eine Figur, die uns bis heute etwas zu sagen hat. In der Szene mit den Sirenen zeigt sich die menschliche Fähigkeit, Versuchungen zu widerstehen, indem man sich selbst Grenzen setzt. Odysseus hört den Gesang, doch er erliegt ihm nicht, weil er sich binden lässt. Bargheer macht diese Episode zum Bild für die menschliche Existenz: Die Sirenen stehen für Verlockung und Gefahr, das Schiff für Gemeinschaft und Richtung, Odysseus für Standhaftigkeit und Wachheit.
Gerade in der Weihnachtszeit entfaltet dieses Werk eine besondere Bedeutung. Die christliche Weihnachtsgeschichte erzählt von der Geburt eines Kindes, das Hoffnung und Erlösung bringen soll. Bargheers „Odysseus“ kann als pagane Entsprechung gelesen werden: Auch hier geht es um die Überwindung von Gefahr, um Standhaftigkeit und die Suche nach einem sicheren Heimathafen. Während die Weihnachtsgeschichte von göttlicher Gnade spricht, zeigt die Odysseus-Szene die menschliche Fähigkeit, durch Klugheit und Selbstdisziplin den Versuchungen zu widerstehen. Beide Geschichten – die christliche wie die heidnische – kreisen um die Frage, wie der Mensch im Angesicht von Bedrohung und Verlockung seinen Weg findet.
So verbindet sich in dieser Farbradierung die antike Gestalt des Odysseus mit der Lebensgeschichte eines Künstlers des 20. Jahrhunderts und mit unserer eigenen Gegenwart. Sie erinnert uns daran, dass wir wie Odysseus Prüfungen bestehen müssen, Versuchungen widerstehen und dennoch offen bleiben für das, was uns begegnet. In der Weihnachtszeit, die oft von Konsum und Verlockung geprägt ist, wirkt Bargheers Bild wie ein stiller Hinweis: Standhaftigkeit, Klugheit und die Fähigkeit, im Sturm Kurs zu halten, sind Tugenden, die uns auch heute tragen können.
Welf-Gerrit Otto
























