„Als das Eis auftaute und schmolz, entstand die Kuh, die Audumla hieß, vier Milchströme rannen aus ihrem Euter. Davon ernährte sich der Urriese.“ (Gylfaginning 6, Altisländische Eddadichtung)
Im Februar liest sich Kriso ten Doornkaats (*1960) Radierung „Haneburg zugig“ aus dem Jahre 2004 als präzise, nachdenkliche Skizze über Verwundbarkeit, Verantwortung und die naturbezogenen Grundlagen unserer Kultur. Das Wort „zugig“ wirkt hier doppeldeutig: es bezeichnet einerseits Zugluft, ein auch für den gegenwärtigen Winter relevantes Thema, andererseits das Ziehen — eine Kraft, die die Dinge ins Leben rückt und voranbringt. Diese Zweideutigkeit legt den Ton der kleinen Grafik fest.
Die Komposition ist auf das Wesentliche reduziert: im Vordergrund eine Kuh, an Seilen befestigt; im Hintergrund eine schmucke Fassadenfront, darüber der Schriftzug „Haneburg zugig“, das H in Frakturschrift, die übrigen Buchstaben in Schreibschrift. Die Haneburg selbst ist kein beliebiges Motiv: als roter Backsteinbau mit Spätrenaissance-Wurzeln prägt sie die Altstadt von Leer und steht für lokale Geschichte, städtische Würde und kulturelle Kontinuität – aber auch für menschliche Zivilisation im Allgemeinen.
Die Radierung macht sichtbar, worauf die Fundamente unserer Kultur ruhen. In Ostfriesland ist das Rind historisch und ökonomisch kein Randphänomen, sondern Unterpfand zivilisatorischer Entwicklung: Viehhaltung hat Reichtum, Landschaftsformen und soziale Strukturen hervorgebracht. Indem die Künstlerin die Kuh zum Zugtier der Kultur macht, weist sie auf einen oft übersehenen Sachverhalt hin — auf die natürlichen Grundlagen, die menschliche Kultur erst möglich macht. Die Pointe ist lakonisch, die Botschaft klar: Kultur gründet sich auf und steht in kontinuierlicher Wechselwirkung mit Natur. In Ostfriesland sozusagen als Ku(h)ltur.
Lesen wir das Blatt im Lichte des Philosophen und Biologen Andreas Weber (*1967), gewinnt die Szene eine ethische Schärfe. Weber fordert, das Lebendige nicht als bloße Ressource, sondern als empfindungsfähiges Subjekt zu begreifen und Beziehungen in den Mittelpunkt zu stellen. Unter dieser Perspektive erscheint die Kuh nicht nur als ökonomischer Faktor, sondern als Mitgestalterin kultureller Praxis Ihr Körper, ihre Arbeit und ihre Präsenz sind Teil der Netzwerke, die Identität und Erinnerung hierzulande formen. Die Radierung wird so zu einer kleinen Ethik der Koexistenz: Kultur ist nicht allein menschlichen Ursprungs, sondern Beziehungsarbeit zwischen Mensch und Um- bzw. Mitwelt.
Vor diesem Hintergrund lässt sich die Arbeit auch als visuelle Resonanz auf Initiativen wie das KIO‑Projekt „KulTour‑Innovationen für Ostfriesland“ lesen. KIO zielt darauf ab, Kultur klimagerecht, partizipativ und ökologisch eingebunden neu zu denken. Ten Doornkaats Blatt mahnt, dass solche Innovationen die Lebendigkeit der Landschaft und ihrer Bewohner mitdenken müssen. Denkmalpflege darf nicht nur Mauern und Ziegel im Blick haben, sie muss die Netzwerke berücksichtigen, in denen Bauten stehen — Tiere, Menschen, Praktiken, Böden und Klima, die zusammen den Wert einer Region erzeugen.
Als Schlussgedanke lässt sich sagen: Ten Doornkaats Bild entwirft keine bloße Allegorie, sondern eine präzise Beobachtung der materiellen Verhältnisse, auf denen Kultur ruht. Die Kuh erscheint hier nicht als malerisches Beiwerk, sondern als Zugtier im doppelten Sinn — als historisch wirksame Kraft, die Landschaften formte, Ökonomien ermöglichte und so das soziale Gefüge Ostfrieslands mittrug. Zugleich ist sie das lebendige Unterpfand jener Zivilisation, deren Würde sich in Backstein und Fassaden manifestiert.
Aus wissenschaftlicher Perspektive erinnert die Radierung daran, dass kulturelle Artefakte ökologische Voraussetzungen benötigen. Aus philosophischer Sicht fordert sie, die Kategorie des Subjekts zu erweitern und Tiere als Mitgestalter kultureller Praxis zu begreifen. Poetisch gelesen wird die Haneburg so nicht nur gehalten, sondern in ein Geflecht von Beziehungen eingebettet, in dem Körper, Arbeit und Erinnerung untrennbar sind. Das Blatt mahnt zur Aufmerksamkeit für diese unsichtbaren Grundlagen. Wer Denkmäler bewahren will, muss auch die Lebewesen und Lebensweisen schützen, die ihre Existenz erst ermöglichen.

„Haneburg zugig“, Radierung auf Papier, Kriso ten Doornkaat 2004, 20 x 15 cm, OLA 70180
























