Marie‑Luise Blersch‑Saldens (*1939) Holzschnitt „Schwarze Flut“ liest sich vor dem Hintergrund aktueller geopolitischer Spannungen wie eine dringliche Mahnung: in vornehmlich schwarzer Tonalität verdichtet er die Gewalt einer durch Ölverschmutzung kontaminierten See zu einer fast ikonischen Bildfolge aus Fischen, Vögeln und einer offenen Muschel im Wellengang.
Schon die Anlage der um 1980 entstandenen Komposition arbeitet mit klaren Gegensätzen. Umrisse werden durch feine weiße Linien definiert, der weiße Himmel nimmt nur die rechte Ecke der Grafik ein und verstärkt so das Gefühl einer eingeengten, fast erstickten Szenerie.
Angesichts der anhaltenden Abhängigkeit unserer postmodernen Gesellschaften von fossilen Brennstoffen und der damit verbundenen Verwundbarkeit globaler Transportwege — sichtbar geworden etwa in den jüngsten Konflikten um den Persischen Golf und den strategischen Engpass der Straße von Hormus im Kontext des Iran‑Konflikts 2026 — gewinnt die Bildsprache eine unmittelbare politische Dringlichkeit.
Das Schwarz liest sich hier nicht nur als formales Mittel, sondern als Metapher für Öl, Schwere und Verschmutzung. Im Vordergrund liegen die Fische in Seitenansicht auf einer rosafarbenen Fläche, deren Zartheit von schwarzen Wirbeln durchstoßen wird. Manche Fische bleiben weiß, als wären sie bereits ausgebleicht, als hätte das Dunkel ihnen die Farbe entzogen. Über ihnen reckt sich ein Vogel nach oben, als suche er das Licht, während an der Grenze von Welle und Himmel ein zweiter Vogel den Kopf seitlich erhoben trägt — Gesten des Suchens und des Scheiterns zugleich.
Die offene Muschel, halb im Wellengang, fungiert als verletzlicher Mittelpunkt, ein leises Symbol für das Aufbrechen und Ausgesetztsein, das sowohl ökologisches Leid als auch die politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen benennt, die solche Katastrophen erst möglich machen.
Formal ist der Druck streng und zugleich poetisch. Das Schwarz arbeitet nicht nur als Flächenton, sondern als Material, das Schwere, Verschmutzung und Bedrohung markiert. Das Weiß dagegen schafft Linien, Lichtinseln und die Illusion von Raum. Die rosafarbene Fläche wirkt wie eine Wunde oder ein verblasstes Erinnerungsfeld, auf dem Leben ruht und zugleich bedroht ist.
Die wiederholte Seitenansicht der Fische und die kreisenden Wirbel erzeugen eine rhythmische Bewegung, die das Auge zwingt, zwischen Vordergrund und Hintergrund zu pendeln — ein stetes Hin‑ und Hergerissenwerden, das der Bildhandlung eine fast musikalische, aber unruhige Dynamik verleiht.
Lesbar wird in dieser Bildsprache auch eine direkte Anspielung auf die populäre Ikonografie der Ölkatastrophen. Die schwarzen Flächen, die öligen Wirbel, die ölverschmierten Vögel, die sich mühsam dem Licht zuneigen, rufen die medialen Bilder wach, die seit den 1960er Jahren das öffentliche Bewusstsein prägten.
Ereignisse wie die Havarie des Tankers Torrey Canyon 1967 und die anschließende Berichterstattung haben die Vorstellung von „Ölpest“ in die Öffentlichkeit getragen. Fotografien ölverschmierter Vögel wurden zu eindringlichen Symbolen ökologischer Verwundbarkeit.
Blersch‑Salden greift diese Bildsprache nicht bloß nach, sie transformiert sie in die reduzierte, schneidende Ästhetik des Holzschnitts. Die Reduktion auf Schwarz und Weiß, die scharfen Konturen, die flächigen Schraffuren machen aus dokumentarischem Schrecken eine meditative, zugleich anklagende Grafik, die nichts an Aktualität verloren hat.
Die Biografie der Künstlerin liefert einen Schlüssel zum Verständnis. Marie‑Luise Salden, geboren 1939 in Elbing, studierte in Hamburg und Kiel, war Gaststudentin in Paris und pflegte intensive künstlerische Beziehungen nach Japan, unter anderem als Artist in Residence und Gastprofessorin.
Ihre Arbeit im Farbholzschnitt, ihre Mitgliedschaften in Verbänden wie XYLON und ihre wiederholten Studienaufenthalte in Japan zeigen eine Künstlerin, die sowohl handwerkliche Präzision als auch internationale Diskurse sucht. Dabei greift die Künstlerin immer wieder ökologische Themen auf und bearbeitet sie entsprechend des umweltbewegten Zeitgeistes.
Salden arbeitet in verschiedenen Techniken — Farbholzschnitt, Tusch‑ und Kreidezeichnungen, Aquarell — und fertigt handgeschöpfte Papierobjekte. Ihre grafischen Blätter wurden in Büchern und Fachzeitschriften publiziert und in Ausstellungen besprochen.
Diese Praxis erklärt die formale Klarheit und die poetische Tiefe ihres Holzschnitts: hier trifft technisches Können auf ein Bewusstsein für Bildtraditionen und auf eine Sensibilität für ökologische Themen.
Vor dem Hintergrund der Umweltbewegung der späten Nachkriegsjahrzehnte erscheint „Schwarze Flut“ als künstlerische Reaktion auf eine wachsende öffentliche Wahrnehmung ökologischer Katastrophen. Die Bildmotive — verendende Fische, ölverschmierte Vögel, eine offene Muschel — sind nicht nur naturalistisch gemeint, sie sind emblematisch.
Sie verweisen auf die Verletzung mariner Lebensräume und auf die Art, wie solche Verletzungen medial verhandelt werden. Blersch‑Salden setzt dabei nicht auf plakative Empörung, sondern auf die stille, eindringliche Kraft des Holzschnitts. Die Reduktion der Mittel macht die Aussage umso schärfer, weil sie den Blick zwingt, die Details zu lesen und die Leerstelle des Himmels als moralischen Raum zu begreifen.
„Schwarze Flut“ bleibt ein eindrückliches Beispiel dafür, wie künstlerische Form und politisches Bewusstsein ineinandergreifen, und verweist zugleich auf das bei der Kulturagentur der Ostfriesischen Landschaft laufende KIO‑Projekt, das ökologische Nachhaltigkeit und Kunst ebenfalls zusammendenkt.
Welf-Gerrit Otto

„Schwarze Flut“, Marie-Luise Blersch-Salden, Holzschnitt auf Papier o.J., 50 x 75 cm, OLA 70064 (Foto: OL)




























