915.103.765! Neunhundertfünfzehn Millionen Einhundertdreitausend Siebenhundertfünfundsechzig Kombinationsmöglichkeiten. Das war die Zahl des Tages. Die acht Teilnehmenden des Lego® Serious Play®-Workshops staunten nicht schlecht, als Tom Koch, Professor für Management und Marketing an der Hochschule Emden-Leer, ihnen aufzeigte, welches Gestaltungspotential sie da mit nur sechs kleinen Klemmbausteinen in den Händen hielten. Jeder Stein im Format 0,96 x 1,6 x 3,2cm mit 2 x 4 Noppen.
Und das waren nur die einfachen Grundsteine, die jede/r Teilnehmende auf seinem Stuhl fand und die sich während der kurzweiligen theoretischen Einführung durch Tom Koch unweigerlich zu ersten kleinen »Bauwerken« zusammenfügten. Keines glich dabei dem anderen (mit Ausnahme zweier Würfel). Auf langen Tischen im Raum fanden sich sodann zahlreiche Kisten mit Bausteinen in allen Formen und Farben. Außerdem Mini-Figuren, Tiere, kleine Werkzeuge, Zahnräder, Leitern, Türen und Fenster usw. Was das Herz begehrte. Oder vielmehr, was es braucht, um Ideen in gebaute Bilder zu übersetzen.
Denn genau das ist der Ansatz hinter der Methode Lego® Serious Play® (LSP). Beim LSP geht es nicht darum, zu spielen – zumindest nicht dem allgemeinen Verständnis nach. Denn mittlerweile ist Spielen in seiner kognitiv wichtigen Funktion und seinem kreativen Potential von der Wissenschaft erkannt und erforscht worden … auch und gerade bei Erwachsenen. Auch hier setzt LSP an, indem es die Teilnehmenden niederschwellig und doch regelbasiert animiert, sich auszudrücken. Vor allem aber geht es um den kreativen Akt des Bauens und das gleichzeitige Hantieren mit den durch die Steine gegebenen Möglichkeiten. Denn so groß sie sind (915.103.765!), alles geht dann doch nicht. Die Steine geben manches vor (jedenfalls, wenn man sie nicht zweckentfremdet einsetzt) und man ist gezwungen, die eigenen Gedanken in etwas Baubares zu übersetzen. Es geht also auch um konstruktive Simplifizierung.
Dafür hat man zu alledem nur 5 bis 8 Minuten Zeit. Je nach Fragestellung. Auch dies ist Teil der Methode: Spontaneität, statt (zu) langem Nachdenken. Es gibt am Ende kein Falsch oder Richtig, kein Schön oder Hässlich. Eine Bewertung der entstehenden Modelle findet ohnehin nicht statt. Sie werden immer in der größeren Runde vorgestellt und erläutert. Was habe ich mir dabei gedacht? Was war meine Ausgansüberlegung? Welches Bild habe ich hier erzeugt? Woran bin ich vielleicht gescheitert? Was würde ich gerne noch ergänzen (wenn ich andere Steine oder mehr Zeit hätte). Aber auch dies soll nicht ausufern. Die entstandenen Bauwerke bleiben erhalten als Grundlage der nächsten Runde – zumindest ab einem bestimmten Punkt im Prozess.
Dieser ist – unabhängig vom Thema des Workshops – immer gleich aufgebaut. Es gibt sechs Baustufen: Zunächst 3 Warm-up-Runden, in denen die Teilnehmenden an das Material (ja, nicht jeder kennt Lego®) und die Methode der Übersetzung von Ideen in gebaute Bilder (»Metaphern«) herangeführt werden. Kleine Bauaufträge wie die der Bau einer stabilen Brücke, eine wichtige Szene aus dem eigenen Leben oder die Versinnbildlichung von bekannten (abstrakten) Begriffen wie Klimawandel, Kultur oder Evolution. Schon dabei merken die Teilnehmenden: Es kommt nicht auf individuelle Baufähigkeiten oder besonders ausgefeilte Modelle an. Vielmehr ist es die jeweilige Idee hinter dem Modell oder die Geschichte (»storytelling«), die jede/r hinterher in der Vorstellungsrunde erzählt, welche den Wert der Methode ausmacht. Die Klemmbausteine zwingen zum Fokus und zur Reflexion von Gedanken, um sie in gegebener Zeit in eine sinnvolle Form zu geben. Auch wenn das Ergebnis mal mehr, mal weniger »gelungen« wirkt, hat man doch eine Materialisierung, über die und anhand der man weiter über die eigentliche Fragestellung sprechen kann.
Durch diese haptische, materielle, kreative (und nicht bloß schriftliche oder bildliche) Auseinandersetzung mit einer Fragestellung sowohl der jeweils Bauenden als auch der hinterher Betrachtenden entsteht eine ganzheitlichere Wirkung. Auch hier hat die Wissenschaft mittlerweile festgestellt, dass die tätige, aktive Verbindung von Hand, Auge und Hirn mehr bewirkt als das bloße Draufschauen oder Zuhören.
Dies wird insbesondere bei den Baustufen 4 bis 6 deutlich: Nach dem Warm-up kommt nämlich das Thema. Je nach Zielsetzung können dies Produktentwicklungen, strategische Entscheidungen, Teambuilding oder andere Szenarien sein. LSP ist hier nahezu universell einsetzbar – denn jeder Gedanke lässt sich in gebaute Metaphern übersetzen. Es kommt dann auf die formulierten Fragen (Bauaufträge) an, wie man sich dem Workshopthema nähert. In unserem Fall sollte es um die ideale Veranstaltung gehen, weswegen jede/r in Runde 4 den Auftrag erhielt genau einen Aspekt zu bauen, der für sie/ihn bei keiner gelungenen Veranstaltung (Konferenz) fehlen darf – als Einzelmodell. Die tollen Ergebnisse seien hier nicht einzeln ausgeführt. Nur soviel: das Informelle überwog deutlich das Formelle. Mehr Netzwerk, mehr Socializing – weniger Vorträge und Stuhlreihen.
Die Einzelaspekte wurden in Runde 5 zu einem Gruppenmodell zusammengefügt. Jedoch nicht einfach als bauliche Aneinanderreihung. Vielmehr wurden die Einzelmodelle inhaltlich zueinander in Beziehung gesetzt, dabei auch auseinandergenommen, neu arrangiert. Immer in dichter Absprache untereinander und vor allem mit den jeweiligen Erbauerinnen und Erbauern. Da wurde viel diskutiert und – ganz wichtig – auch abschließend wertschätzend gefragt, ob alle mit dem Ergebnis zufrieden sind. Das war nicht sofort so, also wurde neugebaut und umgestaltet, bis es passte. So entstand am Ende eher eine mentale Ideal-Landschaft als ein konkreter Veranstaltungsplan. Aber genau darum ging es. Das macht LSP aus. Nicht konkret, sondern abstrakt – aber in greifbaren, materiellen Formen. Und um diesen Gehalt noch besser sichtbar zu machen, wurden die Gedankencluster und Themenaspekte im Modell durch schlagworthafte Beschriftungen kenntlich gemacht.
Runde 6 widmete sich dann der doppelten Frage: Was zerrt an diesem Ideal bzw. was zahlt darauf ein? Es ging also um eine nochmalige Reflexion des Erreichten, indem nun noch Hemmnisse, aber auch Erfolgsfaktoren für das Gelingen der idealen Veranstaltung gebaut werden sollten. Auch hier ergab sich eine Mischung aus Abstraktem (Hierarchiedenken, Betriebskulturen, Erwartungshaltungen …) und Konkretem (Kosten, Planung …). Die Hemmnisse hingen an kleinen Lego®-Ketten am Gesamtmodell und zerrten an der Idee; die Erfolgsfaktoren waren mit Schläuchen angebunden, durch sie sinnbildlich positive Energie in das Ideal hinein pumpten.
Von einer solchen modellhaften Materialisierung ist es natürlich noch ein weiter Weg zur Realisierung einer perfekten Veranstaltung (oder jedes anderen Ziels). Aber die Methode mit den Klemmbausteinen ist ein faszinierender Weg, um sich kreativ und konstruktiv mit einer entsprechenden Fragestellung auseinanderzusetzen. Es gibt natürlich auch viele andere Ansätze. Am Ende stand dementsprechend das ehrliche Fazit: Nicht für jede/n ist LSP die Methode der Wahl. Manche nahmen die erwähnten Begrenztheiten der Steine als zu einschränkend wahr. Andere wussten genau das zu schätzen. Alle waren sich aber einig, dass der quasi-spielerische Zugang den offenen und wertschätzenden Austausch untereinander und die Atmosphäre im Raum auf ein deutlich anderes Level gehoben hatte, als man es von normalen Strategie- oder Planungsworkshops kennt. Und das ist doch zuallererst wichtig, wenn es um die Lösung gemeinsamer Herausforderungen geht.
Das KIO-Projekt wird die Methode aufgreifen und arbeitet an einem entsprechenden Format. Denn wir haben ja auch eine Herausforderung zu lösen.
Wie also sähe eine nachhaltige und klimagerechte Kultur-Landschaft Ostfrieslands wohl aus kleinen, bunten Klemmbausteinen aus?
Abbildungen oben: Impressionen des LSP-Workshops in Leer (Fotos: Ostfriesische Landschaft).




















![Erika Willers, [Blick vom Strand Hilgenriedersiel nach Norderney], 2024. Erika Willers, [Blick vom Strand Hilgenriedersiel nach Norderney], 2024.](https://kultur.ostfriesischelandschaft.de/wp-content/uploads/sites/6/2025/04/erika-willer-2024-254x254.jpg)













