Die Farbradierung von Hartmut Berlinicke (1942-2018) zeigt ein dreigeschossiges Gebäude, das im unteren Drittel des Bildraums verankert ist. Die Erdgeschossfassade ist durch eine Reihe aneinandergereihter rundbogiger Öffnungen gegliedert. Im ersten Obergeschoss durchbrechen drei einzelne Fenster die Wandfläche. Rechts schließt ein geschwungener Giebel ab, links erhebt sich ein dominanter Turm mit quadratischem Sockel, rundem Aufsatz und konisch zulaufender Spitze, die bis an den oberen Bildrand reicht. Die Oberfläche der Mauern ist in der Radierung stark texturiert. Körnung, Risse und Schraffuren betonen Materialität und Alterung. Hinter dem Bau liegt eine dunkle Waldfläche, aus der das Gelbgold der Fassade hervortritt. Rechts oben im Bild steht der Schriftzug „Wasserwerk“. Vor dem Gebäude markieren zwei rot‑weiße Fluchtstäbe eine Absperrung oder Baustellenbegrenzung.
Die Bildkomposition changiert zwischen dokumentarischer Genauigkeit und symbolischer Überhöhung. Das Wasserwerk wird nicht nur als funktionales Bauwerk gezeigt, sondern durch Kolorierung und Lichtsetzung fast sakralisiert: das Gelbgold hebt die Architektur vom dunklen Hintergrund ab und verleiht ihr Monumentalität. Der Turm fungiert als vertikale Landmarke, die den Blick nach oben zieht und dem Objekt Signalfunktion verleiht. Die betonte Materialstruktur macht Gebrauchsspuren sichtbar und vermittelt eine Geschichte von Nutzung und Zeit. Die rot‑weißen Stäbe setzen einen pragmatischen, leicht dissonanten Akzent; sie verweisen auf Gegenwart, Regulierung und Schutz und brechen die ästhetische Ruhe mit einem Hinweis auf Gefährdung oder Vorsorge.
Auf kultureller Ebene lässt sich die Radierung als Reflexion über die Rolle technischer Infrastruktur in der Landschaft lesen. Ein Wasserwerk steht für Versorgung, Gemeinwohl und technische Ordnung – hier wird es zugleich als Teil des kulturellen Gedächtnisses inszeniert. Die Gegenüberstellung von gebauter Ordnung und dunkler Naturkulisse thematisiert die Ambivalenz menschlicher Eingriffe in die Umwelt: Schutz und Versorgung einerseits, Eingriff und Verwundbarkeit andererseits. Psychologisch wirkt das Bild wie eine Projektion kollektiver Erinnerungen: das Hervortreten des Gebäudes aus dem Dunkel kann als Metapher für das Bewusstwerden technischer Errungenschaften verstanden werden, die Schutz bieten, aber auch der Sorge und dem Erhalt bedürfen. Die Materialspuren sprechen von Beständigkeit und Zerbrechlichkeit; die Absperrstäbe erzeugen eine subtile Spannung zwischen Zugänglichkeit und Sperrzone.
Berlinicke, 1942 in Berlin geboren, durchlief vielfältige berufliche Stationen: Einzelhandelskaufmann, Religionspädagoge und später Magister für Kulturwissenschaft. 1968 eröffnete er in Wildeshausen eine Galerie und war lange als Religionslehrer und Kunsterzieher tätig. Von 1986 bis 2005 lehrte er Medienpädagogik an der Evangelischen Fachhochschule Hannover und hatte Lehraufträge an der Universität Osnabrück. Zu seinen wichtigsten Auszeichnungen zählen der erste Preis des Concorso Internationale de Belle Arti Triest (1974) und die Ehrenmedaille der 3. Internationalen Grafikbiennale in Frechen. Über sein Schaffen sagt er: „Bilder entstehen als formaler Protest oder als Tröstung. Meine Bilder beinhalten den Dialog mit der Erinnerung an den letzten Augenblick oder gar an die früheste Zeit meiner Kindheit. Sie sind auch Tagebuchnotiz in der Beziehung zu Weggefährten, auch mal Auseinandersetzung mit Zeitung und Tagesthemen. Immer verweisen sie mich hoffnungsvoll in die Zukunft, welche hinter dem scheinbar realen Abbild zu finden ist.“ (Quelle)
Zeitlich lässt sich die Grafik in einen Kontext einordnen, in dem Fragen von Technik, Sicherheit und Umweltschutz verstärkt politisch verhandelt werden. Seit den 1960er‑ und 1970er‑Jahren gewannen ökologische Debatten, Infrastrukturpolitik und Denkmalschutz an Bedeutung. Die Darstellung eines Wasserwerks kann vor diesem Hintergrund als Kommentar zur Verwobenheit von Versorgungssicherheit, Landschaft und kultureller Identität gelesen werden.
In Bezug auf das KIO‑Projekt der Ostfriesischen Landschaft, das Kultur, Nachhaltigkeit und regionale Innovation verbindet, ist Berlinickes „Wasserwerk“ anschlussfähig: Die Grafik thematisiert Schnittstellen von Technik und Landschaft, erinnert an die Bedeutung technischer Denkmäler und bietet einen künstlerischen Zugang zu Fragen von Wasser, Schutz und regionaler Identität, wie sie in KIO‑Initiativen aufgegriffen werden.
Welf-Gerrit Otto






























