Mit einer fein austarierten Mischtechnik aus Aquarell über Radierung bereichert ein Bild des Künstlers Woldemar Winkler (1902-2004) den Sammlungsbestand unserer Graphothek: „Blick durch die Mauer der Vernunft“. Im Bildgefüge selbst verbirgt sich die Jahreszahl 1967 auf einer Inschrift – ein Entstehungsjahr, das wie kaum ein anderes für eine tiefgreifende gesellschaftliche Zerrissenheit steht.
Beim Betrachten dieses Werkes blickt man wie durch eine präzise konstruierte, theaterkulissenartige Umrahmung in einen tiefen, surrealen Bildraum. Im Zentrum dieser bühnenhaften Komposition verdichtet sich eine komplexe Anhäufung von organischen und geometrischen Formen, in der Winkler die Grenzen zwischen Abstraktion und Figuration radikal aufbricht.
Innerhalb dieses amorphen Gefüges und der rahmenden Kulisse werden Fragmente menschlicher Körper sichtbar:
Isolierte Augen blicken den Betrachter an, während schemenhaft hängende Körper eine unterschwellige Morbidität verströmen und am äußeren Bildrand sich eine fragile, weibliche Figur an die Konstruktion anlehnt wie eine stumme Zeugin oder eine Allegorie der zurückgelassenen Erde, die dem rationalen, kühlen Treiben im Zentrum machtlos zuschaut.
Die Kombination aus den harten Linien der Radierung und den weichen, transluzenten Lasuren des Aquarells verleiht der gesamten Szenerie eine schwebende, zugleich zutiefst beunruhigende Atmosphäre.
Um die tiefere Dimension dieser Arbeit zu verstehen, lohnt ein Blick auf Winklers Biografie, der geprägt von den Schrecken zweier Weltkriege, der Zerstörung seines Dresdner Ateliers und der darauffolgenden Flucht zeitlebens der unreflektierten Fortschrittsgläubigkeit der Moderne misstraute.
Als gebürtiger Sachse, der nach den Verwerfungen des Krieges in Westfalen ansässig wurde, spiegelte sich die Zerrissenheit zwischen Ost und West, zwischen den verhärteten Fronten des Kalten Krieges, auch in seiner eigenen Lebensrealität wider. Diese biografische Dualität korrespondiert auf kongeniale Weise mit der tiefen Ambivalenz des Jahres 1967.
Auf der einen Seite stand dieses Jahr für den historischen Höhepunkt des propagandistisch aufgeladenen Wettlaufs zum Mond zwischen den USA und der Sowjetunion, bei dem die breite Öffentlichkeit von einer beispiellosen Raumfahrtbegeisterung erfasst war. Winkler hat sich zwar auch in anderen Werken mit dieser Thematik befasst, doch genau in diesem Jahr 10 nach dem Sputnik-Schock offenbarte sich die tödliche Kehrseite des blinden Ehrgeizes:
Am 24. April 1967 verunglückte die sowjetische Mission Sojus 1 katastrophal, und der Kosmonaut Wladimir Michailowitsch Komarow stürzte beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre ab, wodurch er zum ersten Todesopfer in der Geschichte der bemannten Raumfahrt wurde.
Auf der ganz anderen Seite erlebte die Welt 1967 den „Summer of Love“ der Hippiebewegung, der als emotionaler Gegenentwurf und radikaler Ausbruchsversuch aus den technokratischen Zwängen der Zeit funktionierte.
Vor diesem spannungsgeladenen Hintergrund entlarvt Winkler in „Blick durch die Mauer der Vernunft“ die inhärente Hybris einer Epoche, die sich der kühlen Ratio verschrieben hat und gleichzeitig einen utopischen Gegenentwurf dieser Ratio beinhaltet.
Der Künstler inszeniert in der Bildmitte keinen strahlenden Helden, sondern einen fragmentierten, hängenden Körper, der sinnbildlich für den im technokratischen Apparat gefangenen Menschen steht, welcher die Grenzen der menschlichen Natur gewaltsam zu überschreiten versucht.
Besonders deutlich wird diese Zivilisationskritik an einer visuellen Referenz im Zentrum des Bildes, wo sich organische Formen einander annähern und unweigerlich an Michelangelos weltberühmtes Fresko „Die Erschaffung Adams“ (1508-1512) aus der Sixtinischen Kapelle erinnern. Doch wo Michelangelo den göttlichen Funken des Lebens, die Würde und die Schöpfung durch die sich fast berührenden Finger feiert, verkehrt Winkler diese Geste ins Groteske:
Der moderne Mensch versucht, sich durch die unerbittliche, rationale Vernunft selbst zu Gott aufzuschwingen, und erzeugt dabei auf der Theaterbühne des Kalten Krieges doch nur Entfremdung, Zerstückelung und den Verlust der seelischen Ganzheit, nach der sich die Jugendkultur jener Zeit so sehnte.
Dieses visionäre Meisterwerk hat bis heute nichts von seiner Aktualität verloren, da die technologische Hybris, die der Künstler damals anmahnte, in unserer Gegenwart im digitalen Raum neue Urstände feiert.
Der aktuelle Wandel durch Künstliche Intelligenz, Algorithmen und die fortschreitende Verschmelzung von Mensch und Maschine wirft exakt dieselben Fragen auf, die Winkler auf seiner Bildbühne formulierte, wenn sich der Mensch erneut anschickt, mit der Erschaffung künstlichen Bewusstseins Gott zu spielen und die fundamentale Mauer der Vernunft vollends einzureißen.
Winklers fragmentierte Körper und isolierte Augen im Maschinenraum der Moderne mahnen uns daher als zeitloses Memento mori, dass jeder ungebremste technologische Allmachtsanspruch letztlich den Kern unseres Menschseins zu zerstören droht.
Welf-Gerrit Otto


































