Die fünf Farblithographien umfassende Mappe „Vor Island“ des deutschen Künstlers Ingo Kühl (*1953), die nach einer prägenden Seereise im Jahr 1996 entstand, ist weit mehr als das bloße Resultat einer Reiseimpression. Sie stellt vielmehr ein tiefgründiges visuelles Manifest dar, das die Dynamik atmosphärischer Erscheinungen einfängt und zugleich kulturwissenschaftliche und philosophische Dimensionen von Zeit und Vergänglichkeit verhandelt.
Das hier präsentierte Werk auf Papier, das exemplarisch für den gesamten, in sich sehr ähnlich gestalteten Zyklus steht, lenkt den Blick des Betrachters auf ineinander verlaufende, monochrom gehaltene Wolkenformationen. Das übergeordnete Thema dieser aufeinander bezogenen Arbeiten ist das Wechselspiel bewegter Wolkenmassen unter dem Einfluss des sich wandelnden Sonnenlichts im Verlauf eines ganzen Tageszyklus von den frühen Morgenstunden über den Mittag und den Abend bis hin zur Nacht. Der künstlerische Entstehungsprozess spiegelt diese thematische Dynamik direkt wider, da die Farbmischungen und die energetischen Formen durch das Übereinanderdrucken von Motiven generiert wurden, die Kühl zuvor frei mit Lithotusche auf den Stein gemalt hatte.
Um die Vielschichtigkeit dieses Bildes ganz zu durchdringen, lohnt ein Blick auf den Werdegang und die Biografie des 1953 im schleswig-holsteinischen Bovenau geborenen Künstlers. Ingo Kühl absolvierte zunächst eine handwerkliche Ausbildung als Zimmermann, bevor er Architektur an der Fachhochschule Kiel und später Architektur und Stadtplanung an der Hochschule der Künste Berlin studierte. Dieser akademische Hintergrund als Architekt schärfte seinen Blick für das Zusammenspiel von Raum, Struktur und Umgebung nachhaltig.
Seine künstlerische Praxis war von Beginn an untrennbar mit einer ausgeprägten Reisetätigkeit verbunden, die ihn als modernen Nomaden der Kunstwelt an die extremsten Ränder der bewohnten Erde führte. Seine Reisen erstreckten sich über Europa hinaus bis nach Island, auf die Färöer-Inseln, nach Grönland und Spitzbergen, aber auch in südliche Sphären wie Peru, Chile, Neuseeland und die Antarktis. Besonders prägend war sein einjähriger Aufenthalt im Südpazifik, wo er auf den Cookinseln livede und arbeitete.
Diese weltweiten Expeditionen dienten ihm nicht als touristischer Konsum, sondern als existenzielles Ausgesetztsein in der rauen, unberührten Natur. Die dabei gesammelten Erfahrungen flossen unmittelbar in seine Gemälde, Radierungen, Skulpturen und Zeichnungen ein. Als gelerntem Architekten eignet Ingo Kühl ein spezifischer, geschulter Modus der Raum- und Landschaftswahrnehmung. Wo der klassische Landschaftsmaler oft nur nach der malerischen Komposition sucht, begreift der Architekt die Landschaft stets als ein dreidimensionales Gefüge, als ein System von wirkenden Kräften, tektonischen Schichtungen und fluiden Räumen.
Kühl überträgt diese architektonische Sensibilität für Statik und Dynamik auf die flüchtigen Phänomene des Himmels. In dem hier gezeigten Werk wird die Landschaft nicht als statische Kulisse inszeniert, sondern als ein sich permanent konstruierender und dekonstruierender Raum, dessen Wände aus Dunst und Licht bestehen. Die Wolkenformationen fungieren hier gleichsam als flüssige Architekturelemente des Kosmos, die in ihrer Schichtung und Verdichtung neue Raumerlebnisse evozieren.
Die im Bild manifestierte Darstellung der Wolken rückt das Ganze in die Nähe philosophischer Betrachtungen zur Prozesshaftigkeit der Welt. Wolken sind seit jeher das stärkste Natursymbol für das Werden und Vergehen, für Entitäten, die sich im Zustand dem permanenten Übergangs befinden und niemals statisch verharren. Sie illustrieren eine prozessuale Ontologie, in der es keine isolierten, festen Dinge gibt, sondern in der jede flüchtige Form stets auf andere Formen Bezug nimmt, aus ihnen hervorgeht und wieder in ihnen verschwindet.
Dieser Gedanke korrespondiert auf faszinierende Weise mit historischen, alchimistischen Quellen, die in der Transformation von Materie, im Verdampfen, Kondensieren und Sublimieren, die universellen Gesetze des Kosmos erblickten. In der Alchemie galt das Prinzip der steten Wandlung und des Zusammenhangs aller Elemente als Schlüssel zum Verständnis des Seins.
Einen pointierten kulturhistorischen Bezugspunkt bietet hierbei das Buch der Natur von Konrad von Megenberg aus dem 14. Jahrhundert, das als das erste systematische Naturkundebuch in deutscher Sprache gilt. Megenberg beschrieb darin die meteorologischen Phänomene und die Gestalt der Wolken nicht als isolierte Zufallsprodukte, sondern als sichtbare Zeichen einer tieferen, gottgewollten Ordnung, in der alle Teile der Schöpfung wechselseitig aufeinander einwirken und harmonisch miteinander verflochten sind.
Kühl greift diese mittelalterlich-kosmologische Idee visuell auf, indem er durch das handwerkliche Verfahren des Übereinanderdrucks die physikalische und metaphysische Überlagerung der Naturprozesse spürbar macht. Aus dieser Einsicht erwächst im Finale der Betrachtung ein geschärftes Bewusstsein für die existenzielle Eingebundenheit des Menschen in die Natur.
Angesichts der monumentalen, monochromen Wolkenmassen mag sich das menschliche Subjekt zunächst klein und isoliert vorkommen, doch inhärent birgt diese kosmische Verbundenheit eine zutiefst tröstliche Dimension. Der Mensch ist kein externer Beobachter, der von der Welt getrennt existiert, sondern er ist integraler Bestandteil desselben fluiden Systems, das auch die Wolken und das Sonnenlicht hervorbringt.
Man kann aus diesem allumfassenden Gefüge niemals herausfallen, nicht einmal im Falle des eigenen Todes. Das Sterben erweist sich in dieser Philosophie nicht als absolutes Ende, sondern als ein Phasenübergang, als ein Wiedereingehen der eigenen materiellen und energetischen Entität in den großen Kreislauf der Natur, vergleichbar mit einer Wolke, die sich auflöst, um als Regen wieder Teil des Ozeans zu werden. Man ist in diesem kosmischen Gefüge niemals allein.
Diese philosophische und ökologische Notwendigkeit, das menschliche Handeln und Denken wieder in die Rhythmen der Natur einzubetten und ein Bewusstsein für nachhaltige Transformationsprozesse zu schärfen, findet auch im zeitgenössischen institutionellen Kontext eine reale Entsprechung, wie sie etwa das zukunftsweisende KIO-Projekt der Ostfriesischen Landschaft demonstriert, das unter dem Leitmotiv der KulTour-Innovationen für Ostfriesland die Schnittstellen von Kunst, Kultur und ökologischer Nachhaltigkeit innovativ zusammenführt und damit die Brücke von der ästhetischen Naturbetrachtung zur praktischen Verantwortung für unsere Lebenswelt schlägt.
Welf-Gerrit Otto

„Vor Island“, Ingo Kühl, 1996, Farblithographie auf Papier, 45 cm x 34 cm, OLA 70415
































