Auf dem GreenCulture-Festival im Tollhaus in Karlsruhe hatten wir es gerade als die zukunftsweisende Aufgabe für die Kultur wahrgenommen, jetzt haben wir auch schon die passende KIO-Schulung dazu durchgeführt: Kreislaufwirtschaft. Und weil es sich prima ergänzt (und ja auch so eine Art Kreislauf betrifft), haben wir das Thema Ernährung dabei auch gleich noch besprochen – oder vielmehr praktiziert: Denn wir haben gemeinsam gekocht. Vegetarisch, nachhaltig, einfach und lecker. Aber der Reihe nach.
25 Teilnehmende aus Kultur und Tourismus trafen sich Ende Juni auf dem Naturschutzhof Wittmunder Wald bei – fast schon zu – sonnigem Wetter, um sich unter der Überschrift »Einkaufen, Verpflegen & Entsorgen: Denken in Kreisläufen« mit den eigenen Materialbedarfen, Ressourcenverbräuchen und Ernährungsgewohnheiten zu beschäftigen. Der anwesende Kreis von Kulturtätigen und Touristikern hat sich mittlerweile gut miteinander gefunden. Es sind viele „Wiederholer“ dabei, aber einige neue Gesichter. Beides ist sehr erfreulich für die mittlerweile 3. KIO-Schulung zu Fragen von Nachhaltigkeit und Klimaschutz.
»Es gibt keinen Abfall, nur Wertstoffe … So wird die Welt reparierbar!«
– Jonas Marks und Mareike Hantschel –
Mareike Hantschel und Jonas Hummel vom Zircula:Lab des WERK. Hauses in Bremerhaven nahmen uns mit auf eine anschauliche und sehr haptische Reise in die Denkweise der Kreislaufwirtschaft. Sie zeigten auf, wie einfach wir im Grunde genommen unseren Ressourcenverbrauch nachhaltiger gestalten können. Etwa, indem wir Dinge und Materialien so anschaffen, umgestalten und weiternutzen, dass keine Abfälle entstehen, sondern echte Kreisläufe. Voraussetzung dafür ist es dabei, sich von überkommenen Standards, Seh- und Nutzungsgewohnheiten zu verabschieden. Der Lack, der ab ist, die Spuren vorheriger Nutzungen, der ästhetische und funktionale Kompromiss oder der Das-geht-doch-auch-anders-Gedanke sind unabdingbar, wenn wir nicht mehr der alten »Logik« von Kaufen – Nutzen – Wegschmeißen – Neu-Kaufen folgen wollen, sondern schon bei der Anschaffung, Verarbeitung und dem Einsatz von Materialien und Gegenständen die weitere Nutzungsmöglichkeit im Kopf haben. Jeder Nutzungsschritt denkt den möglichen folgenden schon mit (»Precycling«). Manchmal ist es dabei vielleicht erforderlich, ein wenig um die Ecke zu denken oder einen Moment innezuhalten, bevor man in gewohnter Manier drauflosarbeitet. Das schärft das Bewusstsein für die sparsame und schonende Nutzung der Dinge und spart so Ressourcen.
Es kostet am Anfang sicherlich Zeit, sich über neue Abläufe und Handhabungen klar zu werden oder gutes Gebauchtes zu finden und aufzuarbeiten anstatt mit neu Gekauftem einfach drauf los zu arbeiten. Aber je mehr man das Kreislauf- oder zumindest Nachnutzungsdenken in den eigenen Handlungsweisen verankert hat, desto selbstverständlicher und schneller hat man die Dinge zur Hand und für die nächsten Bedürfnisse angepasst. Und am Ende spart das eben nicht nur globale Ressourcen, sondern bares Geld. Das Spektrum der Möglichkeiten reicht dabei von ganz kleinen Ansätzen wie der simplen Nachnutzung von alten Ausdrucken als Notizblock oder Briefumschlag über das Nähen von Taschen aus erledigten Werbebannern (wie etwa hier im Zollhaus Leer) bis hin zur Wiederverwendung von Baustoffen und -teilen, die bei Abrissen geborgen werden (vgl. in der Region die Bauteilbörse Bremen oder den Monumentendienst). Einen guten Überblick bieten die bundesweit zahlreichen Initiativen für Materialkreisläufe auf ihrer gemeinsamen Internetseite.
Natürlich ist nicht alles immer wiederverwendbar. Manches ist eben hinterher wirklich »kaputt« oder schlichtweg komplett »auf« (Gibt es dann vielleicht von vornherein Alternativen für diesen Materialbedarf? Oder kann die Gestaltung wenigstens so erfolgen, dass das kein »Müll« entsteht, sondern alles vollständig recyclebar ist?). Und nicht alles darf »zweckentfremdet« werden (Gewährleistungs-/Hygienefragen; Entsorgungszwänge). Da gibt es natürlich Regelungen in Deutschland. Gerade im öffentlichen Kontext.
Aber alle Teilnehmenden und die ReferentInnen waren sich einig, dass man manches auch einfach mal ausprobieren müsse, um überzeugende Tatsachen (und damit vielleicht Neu-Regelungsbedarf) zu schaffen. Und unter dem Strich ist eben schon das Einmal-mehr-Nachdenken besser, als weiter in den gewohnten verschwenderischen Bahnen zu verfahren. Und wo echte Kreisläufe nicht möglich sind, ist ja auch durch eine stückweise Mehrfach- oder Nachnutzung schon viel gewonnen (»Upcycling«). Wie im Übrigen auch durch das sinnvolle Teilen von Gegenständen und Materialien in Sinne der Share-Economy. Das nachhaltigste Material ist freilich das, das wir gar nicht benötigen … oder wenigstens nur einmal kaufen statt mehrfach, weil wir es uns teilen.
»Du bist, was Du isst! Und auf unseren Tellern beginnt der Wandel zur Rettung unseres Planeten.«
– Wolfgang Schuy –
Im Anschluss konfrontierte uns der Koch und Food-Aktivist Wolfgang Schuy von Slow Food Ostfriesland mit kulinarischen Thesen zu regionalen, fairen, nachhaltigen Lebensmitteln und zeitgemäßen (= ökologischen) Ansätzen der Ernährung und Versorgung (Catering). Das war durchaus keine leichte Kost, weil das Thema Essen und Ernährung und alles, was da dran hängt (Landwirtschaft, Agrarindustrie, Arbeitsbedingungen, fair trade, Zerstörung von Regenwäldern, Tierhaltung, Globalisierung, Treibausgase usw.) sowohl eine objektive (ökologisch, ernährungsphysiologisch) als auch eine subjektive, emotionale Seite hat. Essen ist Leben und Lebensqualität. Und da will sich niemand so gerne reinreden lassen. Gleichzeitig wird gerade auf dem Teller deutlich, wie sehr das, was wir essen und einkaufen und damit unterstützen eben mit so vielem anderen zusammenhängt auf der ganzen Welt. Und wie komplex diese Zusammenhänge in der heutigen Welt geworden sind. Bekanntes Beispiel: der Apfel. Welcher ist ökologisch besser? Der hiesige oder der aus Neuseeland importierte? Die differenzierte Antwort gibt’s hier.
Grundsätzlich lässt sich bei aller Komplexität von Einzelfallentscheidungen wie dem Apfel (und es gibt noch kompliziertere) aber sagen: vegetarisch (vegan), saisonal und regional sind die ökologisch besten Formen der Ernährung (über die gesundheitlichen Aspekte treffen wir hier keine Aussage). Fleisch und andere tierische Produkte sind hier bekanntlich der dogmatische Knackpunkt in allen Diskussionen. Tierwohl, Treibhausgase, Umweltschäden, Gesundheit, aber auch Kulturgut und Wirtschaftsfaktor. Zwischen diesen Polen bewegt sich die zumeist hitzige Debatte. Und apropos hitzig: Die Klima- und Umwelt-Aspekte sind deutlich – Tierhaltung beschleunigt den Klimawandel und hat negative Umweltfolgen, zumindest in ihrer agrarindustriellen, konventionellen Form. Das Umweltbundesamt ist dazu relativ klar. Dem stehen andere Punkte gegenüber, die gesellschaftlich und persönlich nicht zu vernachlässigen sind. Wir wollen das hier nicht be- oder verurteilen, sondern auch hier für ein pragmatisches Vorgehen plädieren: gute, regional erzeugte, in Maßen genossene tierische Produkte und Fleisch sind zur Zeit und in unserer Gesellschaft für viele ein »gesunder Mittelweg«. Würden ihn mehr Menschen gehen, also weniger und dafür qualitativ bessere Tierprodukte konsumieren, wäre viel gewonnen. Für die Umwelt, fürs Klima, für die Erzeuger, für die Tiere.
Wir haben uns das jedenfalls an diesem Tag zu Herzen genommen und beim gemeinsamen Mittagessen gleich die entsprechenden Konsequenzen gezogen: Es gab Gemüseeintopf. Vegan. Zubereitet von allen gemeinsam – weil Essen und Kochen ja auch Geselligkeit ist und Zusammenhalt erzeugt (und das ist wichtig, wenn wir den Planeten für uns retten wollen). Das Gemüse stammte direkt aus der Region. Etwas schrumpelig und nicht der Norm entsprechend mitunter. Aber das tat dem Geschmack keinen Abbruch, regte vielmehr noch weitere Diskussionen an. Über verwöhnte Konsumenten, die nur das Gemüse kaufen, das dem Werbe-Ideal entspricht. Über die »verquere Idee«, Natur normieren zu können. Über Lebensmittelverschwendung. Und echten Hunger.
Es hängt also viel dran an der Art und Weise, wie wir Ressourcen nutzen. Seien sie nun zum Bauen oder zum Essen. Was deutlich wurde an diesem Tag: Unsere Konsumentscheidungen haben Auswirkungen auf ganz vielen Ebenen. Wir können nicht alle im Blick haben und kaum jemand kann vollumfänglich konsequent sein in seinem Leben und Handeln. Aber wie immer gilt auch hier: Besser kleine Schritte als gar keine. Und jede/r mag sich da seinen Bereich suchen, in dem er anfängt. Möglichkeiten gibt es genug.
Am Nachmittag traf sich dann – moderiert in bewährter souveräner und wertschätzender Manier von unserem Kollegen Gerke Halvaie – unsere Leitfaden-Arbeitsgruppe, um die gewonnen Einsichten zu vermehren und für unseren Ostfriesischen Kultur-Klima-Leitfaden aufzubereiten.
Abbildungen oben: Impressionen von der 3. KIO-Schulung auf dem Naturschutzhof Wittmunder Wald (Fotos: Patrick Senner, Ostfriesische Landschaft).
»Es gibt keinen Abfall, nur Wertstoffe … So wird die Welt reparierbar!«
»Du bist, was Du isst! Und auf unseren Tellern beginnt der Wandel zur Rettung unseres Planeten.«




























![Erika Willers, [Blick vom Strand Hilgenriedersiel nach Norderney], 2024. Erika Willers, [Blick vom Strand Hilgenriedersiel nach Norderney], 2024.](https://kultur.ostfriesischelandschaft.de/wp-content/uploads/sites/6/2025/04/erika-willer-2024-254x254.jpg)














