Das war ein bisschen wie Klassentreffen. Zum dritten Mal fand das GreenCultureFestival der GreenCulture-Anlaufstelle des Bundes statt. Diesmal im Tollhaus in Karlsruhe. Es war eine herrlich entspannte, kreative und inspirierende Atmosphäre. Auch wenn es ein wenig Anlass zur Wehmut gab: Die Förderung des bundeseigenen GreenCulture-Projekts läuft zum Herbst aus, und es steht noch in den Sternen, ob und wie es weitergeht. Das hat der Stimmung in Karlsruhe aber nur bedingt Abbruch getan. Denn vor allem war das das gute Gefühl, dass sich die hier in allen Sparten versammelte Kultur in Deutschland auf den Weg gemacht hat: zu mehr Nachhaltigkeit, mehr Klimaschutz, und zunehmend auch zu mehr Klimawandelanpassung. Dass das Not tut – mehr denn je -, bezweifelte hier niemand. Das betonte schon der Umweltbundesminister Carsten Schneider in seinem Grußwort.
»Beide, Umweltschutz und Kultur, werden in einer polarisierten Welt gebraucht. Sie haben die Kraft, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken, Zukunftsthemen zu setzen und Menschen zusammenzubringen.«
Carsten Schneider, Bundesumweltminister
Und – ja – das ist sicherlich nicht verwunderlich … Denn, wer das so nicht sieht, der meldet sich nicht zu einem solchen Festival an. Und natürlich war sich die hier versammelte „Community“ in ihrer „Bubble“ einig über die Notwendigkeit und in der Wertschätzung all dessen, was in den vielen Panels, Pitches und Workshops vorgestellt und diskutiert wurde. Bei aller Breite der vertretenen Kultur, fehlten deshalb sicherlich manche Größenordnungen, Dimensionen, Milieus von Kultur in Deutschland. Dazu gleich mehr. Aber unter dem Strich zeigte das Festival – auch in der Konstanz der zum wiederholten Mal Teilnehmenden -, wie sehr die Themen Nachhaltigkeit und Klimaschutz mittlerweile selbstverständlicher Teil von Kultur sind. Ohne dass dies freilich ausreichend Anlass zum Zurücklehnen oder Nachlassen in den Bemühungen böte. Auch darin waren sich die Anwesenden einig. Überzeugungshandeln, Unbeirrbarkeit und wohlverstandener Trotz waren das verbreitete Mindset. Bei allen Rückschlägen, Frustrationsanlässen und Zugeständnissen an Kompromiss und Pragmatismus (ohne geht es ja auch nicht).
Was haben wir aus vielen guten Gesprächen und inspirierenden Beiträgen für das KIO-Projekt gelernt:
Zunächst einmal, dass die ländliche Kultur, also die Kultur auf dem Land, unterrepräsentiert war. Ist das ein allgemein gültiger Befund, steht die ländliche Kultur in ihrem Engagement also schlichtweg noch hintan? Oder war das durch die Veranstaltungskonstellation bedingt? Immerhin sitzt die GreenCulture-Anlaufstelle in Berlin und das Festival fand wie seine Vorgänger im städtischen Raum statt … Zumindest haben wir in Unterhaltungen mit Kolleginnen und Kollegen aus Hamburg, Berlin oder Karlsruhe gemerkt, dass der ländliche Raum in der Aufmerksamkeit der „Community“ in seinen spezifischen Erfordernissen (z.B. Mobilität) und Bedingungen (z.B. Ehrenamt) nicht ausreichend gesehen wird.
Das hat manches „Ach so“ und „Aha“ gegeben, wenn wir unsere Erfahrungen mit Nachhaltigkeit und Klimaschutz im ländlichen Kultur-Raum gespiegelt haben. Immer mit der Botschaft: Die Kultur auf dem Land steht nicht abseits. Sie sieht ihren Auftrag und will ihren Beitrag leisten. Aber sie hat andere Herausforderungen, Motivationslagen und Spielräume. Hier haben sich denn auch zarte Kooperationen angebahnt, die wir nun weiter ausloten werden. Den grundsätzlichen Punkt, dass wir das Gros der Menschen und Kultur in Deutschland nicht links – und schon gar nicht rechts! – liegen lassen dürfen bei unseren GreenCulture-Bemühungen, haben jedenfalls nun ein paar mehr Menschen verstanden. Zeigen wir ihnen und allen anderen, was Kultur auf dem Land beitragen kann. Zu Klimaschutz und Nachhaltigkeit – auf allen Ebenen und damit für eine bessere Gesellschaft und ein besseres Leben auf unserer Welt.
»Wenn Misstrauen zum Geschäftsmodell wird, kann Kultur eine wirksame Medizin zur Heilung werden.«
Jacob Sylvester Bilabel
Außerdem haben sich zwei zentrale Zukunftsthemen herauskristallisiert, die überdeutlich das Festivalprogramm geprägt haben: Kreislaufwirtschaft und Klimawandelanpassung.
Beides hat mit der Anerkenntnis zu tun, dass sich die Spielräume für die Kultur (und nicht nur für diese) in Zukunft ändern werden. Zum einen werden Ressourcen knapper. Und das betrifft insbesondere die Kultur, die als freiwillige Leistung der öffentlichen Hand, nicht mehr auf unhinterfragte finanzielle und damit materielle Unterstützung setzen kann. Sie muss mit ihren Ressourcen noch stärker als bisher haushalten. Und da bietet das Denken in Kreisläufen großes Einsparpotential. Denn, wenn wir Materialien nicht eindimensional verwenden und nach einmaliger Nutzung entsorgen, sondern so behandeln, dass wir mit ihnen nach dem ersten Zweck noch weitere Aufgaben erfüllen können, dann müssen wir nicht jedes Mal neu kaufen, sondern können weiternutzen statt wegzuschmeißen. Das setzt aber voraus, dass wir solche Prozesse von vornherein entsprechend denken und offen sind für ein neues Umgehen mit den Dingen. Hier wird sich KIO in Zukunft stärker einbringen und das Thema in Ostfriesland vorantreiben.
Zudem lässt sich nicht mehr leugnen und abwenden, dass uns der beschleunigte Klimawandel in seinen Konsequenzen treffen wird. Die Klimakrise ist real und macht sich immer stärke auch hier bei uns bemerkbar. Das betrifft sowohl die Menschen, die in unseren Kultureinrichtungen arbeiten oder diese besuchen, aber auch unsere Einrichtungen selbst, unsere Sammlungen, unsere Ausstattung, unsere Gebäude. Hitze und Starkregen sind hier zu nennen. Dagegen müssen wir uns als Kultur ganz allgemein (wie jede/r andere auch) wie auch im Hinblick auf unsere spezifischen Aufgabenbereiche (z.B. Veranstaltungen, Sammlungspflege) wappnen. Hier gibt es – genau bei der Kreislaufwirtschaft – große wie kleine Stellschrauben, die beide ihre unmittelbaren Effekte haben. Auch hierauf wird KIO ein verstärktes Augenmerk legen.
Und all das werden wir nur gemeinsam in den Griff bekommen, indem wir miteinander Lösungen entwickeln und Wege finden. Dass sich die ökologischen Fragen nicht von den sozialen trennen lassen, ist gerade der Kultur bewusst und vollkommen klar. Kultur ist zuvorderst ein sozialer Kontext. Insofern waren viele Formate und Beiträge auf dem Festival auch dem Bemühen gewidmet, Menschen zusammen zu bringen, Räume des wertschätzenden Austauschs (wieder) zu schaffen und so Chancen auf Verständigung zu bieten. Auch die maximale Form des a-sozialen, der Krieg, spielte eine Rolle auf dem Festival, widmeten sich doch einige Programmpunkte den Kriegsereignissen in der Ukraine und in Israel und damit der Frage, welche Rolle Kultur hier spielen kann und muss. Dass das alles (wie vielleicht jeder Krieg schon immer) letztlich mit knappen oder begehrten Ressourcen und zunehmend auch mit Klimawandelfolgen zu tun hat, wurde dabei – für viele irritierenderweise – ausgespart, war aber allen implizit bewusst. Die Krisen auf diesem Planeten haben immer mehrere Ebenen – Klima und schwindende Rohstoffe spielen dabei eine nicht mehr zu ignorierende Rolle, auch dort, wo vordergründig Nationalismen und andere Ideologien ins Feld geführt werden. Anlass das eine, Ursache das andere.
Hervorzuheben bei den entsprechenden Formaten, die sich auf dem Festival den sozialen Bedingungen von Zukunft und Nachhaltigkeit widmeten war die »Unterhausdebatte« des Journalistenkollektivs RiffReporter. Die Methode lehnt sich an die zivilisierte Debattenkultur des britischen Unterhauses an und ermöglicht genau das, was wir gesellschaftlich etwas aus den Augen verloren haben: wertschätzende, offene, Meinungsunterschiede anerkennende und aushaltende Diskussionen, bei denen man auch hinterher weiter in die Augen sehen kann und den/die/das Gegenüber als Menschen respektiert. KIO wird dieses Format zusammen mit den RiffReportern auch in Ostfriesland durchführen.
Zum Schluss wurde es dann doch noch einmal emotional – bei aller positiven und beeindruckenden Bilanz des Festivals und damit aller Anstrengungen von Kultur für eine nachhaltigere Welt. Jakob Sylvester Bilabel, Leiter der GreenCulture-Anlaufstelle, war sichtlich angefasst, als er sich bei allen bedankte, die sich in den vergangenen Jahren (und in Zukunft!) für die Idee von GreenCulture engagierten. Er kündigte zaghaft ein GreenCultureFestival 2027 an. Wir hoffen, dass es dazu kommt. Den das Thema ist ja nicht vom Tisch. Im Gegenteil.
“Wir wollten eure Köpfe zum Kribbeln bringen, eure Herzen wärmen und eure Hände stärken. Wir hoffen, das ist uns gelungen.”
Jacob Sylvester Bilabel
Abbildungen oben: Impressionen vom GreenCultureFestival 2026 im Tollhaus Karlsruhe (Fotos: Ostfriesische Landschaft).




























![Erika Willers, [Blick vom Strand Hilgenriedersiel nach Norderney], 2024. Erika Willers, [Blick vom Strand Hilgenriedersiel nach Norderney], 2024.](https://kultur.ostfriesischelandschaft.de/wp-content/uploads/sites/6/2025/04/erika-willer-2024-254x254.jpg)














