Wie kann das System »Auto« im ländlichen Raum transformiert werden? Das war die zentrale Frage bei der 4. KIO-Schulung zum Thema »Mobilität. Der Weg ist das Ziel.«. Die fand diesmal im wunderbaren Ambiente des Marktpavillons der Kulturbrennerei DoKa statt. Rund 25 Kulturtätige und Touristiker waren dafür nach Norden gekommen – manche sogar mit dem Zug, die meisten aber mit dem Auto. Wohl oder übel und kaum anders zu erwarten im ländlichen Raum Ostfrieslands. Ein paar Fahrgemeinschaften immerhin waren dabei. Und damit sind wir schon mitten im Thema. Doch der Reihe nach.
Der Tag startete zunächst leicht verspätet … der Referent war aus Oldenburg mit der Bahn angereist, und die war nicht ganz pünktlich. Das bot Zeit für einen Kaffee mehr und die Betrachtung des Umfelds. Der Rundumblick durch die Scheiben des alten Marktpavillons zeigte dabei regen Stadtbusverkehr in Norden, und quer über die Straße fand sich sogar eine tadellose Fahrradreparaturstation. Gute Ansätze also in Norden. Und sogar mit Tradition. Denn auch das Gebäude selbst ist thematisch bedeutsam: Der Marktpavillon eröffnete erstmals im Juni 1957 und beherbergte neben kleinen Läden und sanitären Anlagen auch einen Warteraum für Busgäste (sic!). Durchaus passend also, um auf Rainer Schwerdhelm zu warten.
Der Professor für Mobilität an der Jade Hochschule Oldenburg hat zusammen mit der zweiten Referentin des Tages, Anne-Kathrin Schwab, im Projekt 4N (Nordwest Niedersachsen Nachhaltig Neu) die Transformation und den Strukturwandel im ländlichen Raum Nordwestdeutschlands erforscht und hier insbesondere die Anforderungen und Veränderungen heutiger Lebens- und Arbeitsverhältnisse zwischen Stadt und Land (im sog. »rurbanen Raum«). Und da spielt Mobilität nun einmal eine zentrale Rolle. Welche genau und wie sehr unser gesamter Lebensentwurf auf das jederzeit verfügbare Automobil hin ausgerichtet ist, das schilderte uns Rainer Schwerdhelm in seinem einführenden Vortrag. Die schonungslose Erkenntnis dabei: Ohne Auto geht es nicht! Zumindest nicht hier in Ostfriesland (= im ländlichen Raum im Allgemeinen) und nicht unter den heutigen Bedingungen von Arbeitswelt, Daseinsvorsorge (Ärzte, Altenpflege etc.), Nahversorgung (Einkaufen), Bildungslandschaft (Schulwesen), Gewerbestruktur etc. Das Auto ist unabdingbar, wenn man in Dunum, Firrel oder auf der Krummhörn wohnt. Entsprechende kartographische Auswertungen von Forschungsergebnissen zu Pendlererfordernissen, Versorgungsstrukturen oder Verkehrswegen zeigten dies ganz deutlich. Der Vortrag unterstrich damit empirisch, was alle im Raum vermutlich ahnten, wenn nicht wussten, und jeden Tag selbst leidlich erfahren (im wahrsten Sinne des Wortes).
Und was in dieser Weise für die Menschen privat bzw. beruflich gilt, stellt eben auch Kultur und Tourismus vor Herausforderungen: Der Tourismus ist per se angewiesen auf Mobilität. Die Gäste müssen anreisen, rumreisen, abreisen. Das alles ebenso individuell und spontan wie planbar und zuverlässig. Das Auto leistet dies, mitunter das Fahrrad im kleineren Zusammenhang, für bestimmte Strecken auch der ÖPNV Aber kaum in der breiten Fläche. Und die Kultur? Keine Kultur ohne Publikum. Im ländlichen Raum Ostfrieslands bedeutet auch dies überwiegend Automobilität, wo der ÖPNV abends nicht mehr fährt oder Veranstaltungsorte zu abseits liegen. 60 bis 70 Prozent der Emissionen im Kulturbereich gehen auf das Konto der Publikumsmobilität. Ein Strukturproblem.
»Die Mobilitätswende ist eine der zentralen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts … angesichts der globalen Klima- und Umweltkrisen. Der private Pkw steht im Zentrum dieser Transformation, da er als Hauptursache für die Umweltbelastungen des Verkehrssektors gilt.«
– Rainer Schwerdhelm, Projekt 4N / Jade Hochschule Oldenburg –
Rainer Schwerdhelm ermutigte jedoch auch. Zunächst wandte er sich gegen die pauschale und grundlegende Verteufelung des Autos. Es mache keinen Sinn, spezifische Verkehrsmittel pauschal zu verdammen. Schon gar nicht, wenn dies an den Bedürfnissen der Menschen und ihren Möglichkeiten vorbeigehe. Das Rad der Zeit lasse sich in bestimmten Bereichen kaum zurückdrehen – etwa in der Wirtschaftsstruktur oder Daseinsvorsorge. Die Mobilitätserfordernisse würden bleiben, eher noch zunehmen. Selbst wenn – etwas relativierend formuliert – die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz oder der Anstieg von Spritpreisen wohl manches in Bewegung bringen könnte. Unter dem Strich, dürfe es aber nicht darum gehen, ein Verkehrsmittel kategorisch auszuschließen. Vielmehr komme es darauf an, die Vielfalt der Mobilitätslösungen intelligent zu kombinieren. ÖPNV, Automobil, Fahrrad, E-Scooter, Fahrdienste oder der Weg zu Fuß. Alles habe seine Vorteile und Nachteile und damit seine Berechtigung an der richtigen Stelle. Eine Lösung, die der Referent erforscht und vorschlägt: »Mobility Hubs«. Zu Deutsch also Mobilitätsstationen, strategisch günstig gelegen an Verkehrsknotenpunkten, an denen Mobilitätsangebote zusammentreffen. Das Fahrrad, mit dem man aus dem Nachbarort bequem anreisen kann; es findet hier sogar eine trockene und sichere Abstellmöglichkeit mit Ladestation (genau wie natürlich auch das Auto auf dem naheliegenden P+R-Parkplatz). Der Stadt- oder Regionalbus. Sie fahren von hier aus weiter ins Umland und natürlich zum nächsten Bahnhof. Von dort geht es dann in die weite Welt. Wichtig dabei: Die Mobility Hubs sind mehr als Parkplätze oder Fahrradgaragen. Sie bieten infrastrukturell, organisatorisch und atmosphärisch alles, was verknüpfte Mobilität ermöglicht und angenehm macht, d.h. eben auch attraktive Aufenthaltsgelegenheiten, überdacht, warm im Winter, kühlend im Sommer, vielleicht ein Café, Spielplätze, Sanitäranlagen, Schließfächer, W-LAN ohnehin. »Dritte Orte« der Mobilität sozusagen, die jenseits ihres funktionalen Kerns ein Mehr an Qualität bieten. Einerseits um so natürlich für ihr eigentliches Anliegen zu werben, andererseits aber auch um ihre eigene Wertschätzung beim Publikum zu steigern – und damit etwa Probleme wie Vandalismus oder Vermüllung zu reduzieren. Idealerweise konzentrieren die Mobilitätszentren dann im Umfeld noch eine ganze Reihe an Dienstleistungen, die betont mobilitätsgebunden sind, und lenken so Verkehrsströme (z.B. Paketstationen, Co-Working-Spaces, Fitnessstudios, Bürgerbüros, Einkaufsläden o.ä.).
Das alles ist in der wünschenswerten Konsequenz für Ostfriesland noch Zukunftsmusik. Allerdings nicht nur hier. Die Idealform findet sich auch andernorts nur selten. Gleichwohl denken die Menschen auch hier über Mobilität nach und suchen Lösungen, die sozial, wirtschaftlich und ökologisch besser sind als bisher. Wie lange können wir uns die aktuelle Mobilität noch leisten? Wer ist in der Lage, seine Bedürfnisse mit eigenem Auto zu befriedigen? Was ist mit denjenigen, die dazu nicht (mehr) in der Lage sind? Wer und was leidet unter den »Blechlawinen«, die sich tagtäglich durch das Land schieben? Für einen Eindruck reicht da der morgendliche Weg zur Arbeit nach Aurich, Leer oder Emden. Kosten und Emissionen, die sich nicht ignorieren lassen. Manche Erfordernisse lassen sich vielleicht wieder zurückholen in den Ort, aber nicht alle. Die Teilnehmenden nannten hier als Beispiel genossenschaftliche Dorfläden wie z.B. von Tante Enso.
Anne-Kathrin Schwab ist Ethnologin und Sozialwissenschaftlerin. Sie glaubt – bei aller zuvor auch von Rainer Schwerdhelm betonten Notwendigkeit politischen Handelns – an die Kraft der Selbstorganisation in lokalen Gemeinschaften. Von unten, aus sich selbst heraus. Im Projekt 4N hat sie sich mit den Bewohnern der Ortschaft Dunum auf den Weg gemacht, sich über die Situation ihres Dorfes Gedanken zu machen und Lösungen zu finden für die alltäglichen und notorischen Probleme. Dafür hat sie sogar eine ganze Weile in Dunum gelebt. Mittendrin, um die Menschen wirklich kennenzulernen, nicht einfach nur zu beobachten. Dabei war irgendwann natürlich auch die Mobilität zwangsläufig ein Thema. Dunum hat dafür in moderierten Workshops mit Anne-Kathrin Schwab eigene Ideen entwickelt und teilweise auch umgesetzt. Aber die Dunumer Lösungen sind nicht automatisch auch diejenigen von Firrel, auf der Krummhörn oder in Bensersiel. Eine Lehre aus solchen Prozessen: Groß denken! Klein wird es von alleine. Oder anders formuliert: Nicht sofort die Schere im Kopf zulassen, sondern erstmal die Phantasie spielen lassen.
»Lösungen lassen sich nur mit den Menschen finden. Und am Anfang steht immer die Gemeinschaft vor Ort. Die Menschen dort kennen ihre Bedürfnisse und Möglichkeiten. Und sie haben gute Ideen und wollen sich engagieren.«
– Anne-Kathrin Schwab, Projekt 4N / Universität Vechta –
Das haben wir dann gemeinsam getan, und dafür die ostfriesische Landkarte neu gedacht. Nicht geographisch, sondern verkehrspraktisch. Welche Wege, welche Verbindungen, welche Verkehrsmittel gibt es und braucht es? Was liegt nah beieinander – nicht räumlich, sondern inhaltlich, und muss deshalb besser miteinander verbunden werden. Wo sind unüberwindbare Hindernisse – nicht nur naturräumliche, sondern auch organisatorische (Landkreisgrenzen; Goldene Linie). Bis wohin müssen wir Mobilität denken? (Oldenburg; Groningen; Ruhrgebiet) Welche neuen Mobilitätsformen würden unsere Probleme lösen? Kurzum: Welche Prämissen und Grundsätze sind nötig, damit sich etwas bewegt? Welche Gewohnheiten müssen wir aufgeben und wo neue Wege gehen?
Das alles haben wir visualisiert. Mit Stiften, Schere, Papier und allerlei Bastelbedarf, auf großformatigen Leinwänden, in mehreren Kleingruppen. »Community Mapping« nennt sich diese Methode. Entstanden sind so nicht reale Karten von Ostfrieslands Mobilitätsituation, sondern mentale Karten, in die individuelle Bezüge, grundlegende Notwendigkeiten, zukünftige Idealvorstellungen und wahrgenommene Hindernisse eingeflossen sind. Mal im ganz großen Maßstab, mal im ganz kleinen: Von der Reaktivierung der Fehnschifffahrt, über Schienenleitsysteme für selbstfahrende Busse bis hin zur kompletten Rückentwicklung zu kleinteiligen Lebens- und Arbeitseinheiten war da alles dabei. Beamen (Teleportation), wie bei Raumschiff Enterprise wurde auch kurz angedacht, fiel dann aber dem Realitätssinn der Teilnehmenden zum Opfer. Nicht jedoch so revolutionäre Ansätze wie etwa die Kriminalisierung des Autos oder Sonntagsfahrverbote. Mensch muss eben auch groß denken, um Lösungen zu finden. Kleiner werden die ja bekanntlich von alleine.
Am Ende stand dann nicht DIE Lösung für alle Probleme, sondern zunächst einmal die informierte Erkenntnis, dass es für das große Ganze einer grundlegenden Neubewertung und Neuorganisation von Mobilitätsansprüchen und -strukturen bedarf. Zum anderen aber eben auch, dass es viele kleine Lösungen gibt, um individuelle Herausforderungen zumindest vor Ort zu lösen, und wie wir dafür gemeinsam tätig werden können.
Das einmal im Kopf und mit den Händen durchgespielt zu haben, war am Ende des Tages dann ein gutes Gefühl. Wenn die meisten dann wieder mit den Auto nach Hause gefahren sind, dann auf jeden Fall mit anderen und neuen Perspektiven auf das bunte Treiben jenseits der Windschutzscheibe.
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Am Nachmittag traf sich dann – moderiert in bewährter souveräner und wertschätzender Manier von unserem Kollegen Gerke Halvaie – unsere Leitfaden-Arbeitsgruppe, um die gewonnen Einsichten zu vermehren und für unseren Ostfriesischen Kultur-Klima-Leitfaden aufzubereiten.
Abbildungen oben: Impressionen von der 4. KIO-Schulung im Norder Marktpavillon (Fotos: Patrick Senner).
»Die Mobilitätswende ist eine der zentralen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts … angesichts der globalen Klima- und Umweltkrisen. Der private Pkw steht im Zentrum dieser Transformation, da er als Hauptursache für die Umweltbelastungen des Verkehrssektors gilt.«
»Lösungen lassen sich nur mit den Menschen finden. Und am Anfang steht immer die Gemeinschaft vor Ort. Die Menschen dort kennen ihre Bedürfnisse und Möglichkeiten. Und sie haben gute Ideen und wollen sich engagieren.«


































![Erika Willers, [Blick vom Strand Hilgenriedersiel nach Norderney], 2024. Erika Willers, [Blick vom Strand Hilgenriedersiel nach Norderney], 2024.](https://kultur.ostfriesischelandschaft.de/wp-content/uploads/sites/6/2025/04/erika-willer-2024-254x254.jpg)














