Mit spannenden Vorträgen, inspirierenden Workshops und einem Kessel Buntes feiern Kultur und Tourismus die Nachhaltigkeit im Zollhaus Leer.
Es war uns ein Fest! Das Erste KIO-Festival im Zollhaus Leer war genau die bunte Mischung, die wir uns erhofft hatten. Spannende, informative Vorträge. Inspirierende Workshops. Ein bunter Markt der Möglichkeiten. Und viel, viel gute Stimmung. Nachhaltigkeit kann – und muss – neben aller Ernsthaftigkeit in der Zielsetzung eben auch Spaß machen. Sonst wird da nix von, wie man hier bei uns sagt. Und das hat im Zollhaus prima funktioniert. Heads on, hands on, hearts on! So könnte man den Tag wohl am besten zusammenfassen. Und die zahlreichen Bilder spiegeln genau das wider: Ein Kessel Buntes.
Der Tag startete mit einem lockeren Come-together. Während sich unten die Referenten auf ihre Vorträge vorbereiten, gab es oben den ersten Kaffee. Das Zollhaus Leer bot dafür das perfekte Ambiente. Feiern und Tagen auf mehreren Ebenen. Beim KIO-Festival fanden vormittags im Erdgeschoss zunächst die Vorträge vor breitem Publikum auf der großen Bühne statt. Eine Treppe höher, im Café, gab’s eben den und dann am Nachmittag den Markt der Möglichkeiten. Noch eine Etage höher sowie verteilt auf EG und 1. OG fanden dann auch die Workshops des Tages hinreichend Platz. Bewusst nicht hinter verschlossenen Türen, sondern – der Idee des Tages folgend – mit halboffenem Charakter. Locker andocken, reinschnüstern, sich treiben lassen lautete die Maxime. Schon bei der ersten Tasse Kaffee wurde das deutlich. Viele Aussteller bauten noch ganz »ungeniert« ihre Stände auf, und mensch kam bei so viel Wuselei schonmal ins lockere Gespräch.
Dann ging es los. Nach den thematisch und atmosphärisch einstimmenden Grußworten des Landschaftspräsidenten Rico Mecklenburg und des Landrats Matthias Groote (i. V. verlesen durch Landschafsdirektor Matthias Stenger) wurde es erstmal sportlich: Alina Tammäus (Ostfriesland Tourismus GmbH) und Cai-Olaf Wilgeroth (Ostfriesische Landschaft) machten auf der Bühne das, was sie als Projektleitende im gemeinsamen KIO-Projekt auch sonst gerne tun: Sich die Bälle zwischen Tourismus und Kultur zuspielen. Diesmal allerdings wirklich, mit einem echten Ball. Mit jedem Schuss verbanden sie dabei einen Rückblick, ein kleines Resümee, eine Lieblingsbegebenheit aus anderthalb Jahren KIO-Projekt. Immerhin ging es ja beim Festival darum, die erste Halbzeit zu feiern. Der jeweils letzte Schuss galt dann dem Ausblick auf die zweite Projekthälfte. Der Fußball enthielt darum nicht umsonst den Schriftzug VISION. Was soll noch kommen? Was soll KIO bewirken? Eine Frage, die die beiden mit einem – zumindest angedeuteten – beherzten Schuss bewusst ans Publikum weitergaben. Denn: »Nachhaltigkeit ist ein Teamsport.« Und als Team sind alle gefordert. Mit ihren Visionen, ihren Ideen, ihren großen und kleinen Schritten.
Im ersten Vortrag des Tages ging es sogleich ans Eingemachte: Rainer Kurlemann von den RiffReportern zeigte auf, wie schwer es das Thema Klimawandel in der öffentlichen und medialen Debatte hat und wie schwierig es ist, dies durch gute Kommunikation zu ändern. »Wir müssen reden!« Doch wie? Ohne unsere Zuhörer, unsere Gegenüber, unser Publikum zu überfordern oder zu verprellen. Der Referent plädierte für verlässliche, gut recherchierte Information, das unermüdliche und gleichwertige Aufzeigen von Risiken wie Chancen und einen sorgfältigen Sprachgebrauch, der die Menschen nicht bei der Wortwahl den Kopf schütteln lässt oder sie vor selbigen stößt. Ohne zu beschönigen natürlich. Außerdem machte der Vortrag klar, wo es sich noch lohnt, Überzeugungsarbeit zu leisten, und welche Gruppierungen aufgrund ihrer spezifischen politischen oder gesellschaftlichen Überzeugungen bereits für das Thema verloren sind.
Tomke Eden und Flemming Stötzer vom Projekt WattenVision der Hochschule Emden-Leer stellten danach vor, was sich zwischen Leeuwarden (NL) und Ostfriesland zum Thema Nachhaltigkeit in Zahlen ausdrücken lässt. Sie haben Kennzahlen und Kriterien entwickelt nach denen sich Nachhaltigkeit, Klimagerechtigkeit und Umweltverträglichkeit in unserer Grenzregion beurteilen lassen. Denn: „You can only manage what you measure.“ Was haben wir schon erreicht? In welchen Bereichen? Wo müssen wir noch besser werden? Das klingt natürlich objektiver und technokratischer als es am Ende sein kann, weil natürlich nicht alles messbar ist, nicht für alles Zahlen vorliegen oder sich auch ostfriesische und niederländische Werte kaum immer vergleichen lassen. Aber immerhin liegt mit dem sogenannten »Dashboard« nun ein Grundgerüst an Zahlenriehen und Statistiken vor, mit dem sich Tendenzen jenseits von gefühlten Befunden objektivieren lassen. Aber dabei sind die beiden in ihrem Vortrag nicht stehen geblieben. Denn wenn mensch etwas misst und dann erkennt, dass da noch Luft nach oben ist, also Verbesserungspotential und -bedarf, dann sind Lösungen wünschenswert. Und dafür werden im Projekt WattenVision gute Beispiele zusammengetragen, die spezifische Herausforderungen bereits gut gemeistert haben. »Proven Pratices« heißen die auf Englisch. Und eine davon wurde dann auch noch vorgestellt: Das Into-the-Great-Wide-Open-Festival auf Vlieland (NL). Hier geht man einen konsequent nachhaltigen Weg und versucht die Dinge auf allen Ebenen immer besser zu machen. Tomke Eden stellte insbesondere das Mobilitätskonzept des Festivals vor, bei dem mit dem Ticketkauf eine Klimaabgabe verpflichtend ist, die man sich aber beim Festival entweder erstatten lassen kann gegen den Nachweis der klimaschonenden Anreise. Oder aber man verzichtet darauf, und das Geld wird vom Festival selbst in die Verbesserung der eigenen Bemühungen und in Klima- und Naturschutzmaßnahmen reinvestiert – und zwar nicht irgendwo auf der Welt, sondern direkt vor Ort.
Das war die perfekte Überleitung zum dritten Vortrag: Mara Bauer und Lukas von Schuckmann vom Netzwerk Green Events aus Hamburg zeigten auf, weshalb, wo und wie wir bei Veranstaltungen auf Nachhaltigkeit achten sollten. Eben »so richtig feiern!« Veranstaltungen schaffen einerseits Gemeinschaft. Sie konstituieren Kultur und sind deshalb wichtig. Kultur ohne Publikum vor Ort geht nicht. Zumal entsprechende Events darüber hinaus ja auch echten wirtschaftlichen Mehrwert für einen Ort oder eine Region bringen. Aber sie kosten auch: Geld, Ressourcen, Nerven. Ersteres spielen sie im Idealfall mehr als nur ein; letztere lassen sich durch gute Organisation schonen. Das gilt auch für die Ressourcen. Energie, Wasser, Fläche. Emissionen, Müll, Lautstärke, Verkehrsaufkommen … Es hängt einiges dran an Veranstaltungen – egal welcher Größe. Sie betreffen ihr Umfeld, ihre Umwelt, Mensch, Tier, Pflanzen, Naturraum, Klima. Diese Auswirkungen lassen sich strukturiert betrachten, in ihrem Umfang erfassen und daraus handhabbare Handlungsbereiche ableiten. Green Events hat hierfür ein praktisches »Tool« entwickelt, das es Verantwortlichen ermöglicht, diesen sogenannten »Fußabdruck« ihrer Veranstaltungen zu analysieren und dann zu verbessern. Nicht nur im ökologischen, auch im sozialen und wirtschaftlichen. Viele Beispiele in ihrem Vortrag zeigten, wie es dabei nicht um den einen großen Wurf geht, sondern um viele kleine Schritte. Denn alles auf einmal, geht eben nicht.
Wie es die anderen machen … David Schmalenstroer vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) zeigte uns, wie die Kultur in Nordrhein-Westfalen sich in Richtung Nachhaltigkeit und Klimaschutz entwickelt. Gemeinsam mit einer Kollegin vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) unterstützt er im Projekt kultur-klima NRW den Kulturbereich eines ganzen Bundeslandes auf dem Weg in eine nachhaltige Zukunft. Also wie KIO, nur etwas größer. Der Blick in die Nachbarschaft hat dabei gezeigt: Die grundlegenden Herausforderungen sind genau die gleichen wie hier in Ostfriesland. Natürlich etwas anders skaliert hier und da – etwa in den urbanen Ballungszentren des Ruhrgebiets. Was sicherlich andere Spielräume eröffnet. Aber der betont ländlichere Bereich zwischen Emden, Leer, Aurich Norden und Wittmund hat im Prinzip keine anderen Aufgaben vor sich. Und auch keine schlechteren Ideen. Genau wie hier, sind es in NRW die kleinen, strukturierten, bewussten Schritte, die zählen. Der Referent betonte dies ganz ausdrücklich und war sogar etwas neidisch, dass KIO ein eigenes kleines, aber feines Förderprogramm für Kulturprojekte hat. Den Neid gaben wir natürlich sofort zurück. Denn da passiert wirklich eine ganze Menge zwischen Münster, Ruhrgebiet und Rheinland. Und weil ja nicht eben wenige Menschen aus Nordrhein-Westfalen hier bei uns an der Küste Urlaub machen, ist es umso schöner zu sehen, dass da in beiden Regionen gut und ganz ähnlich für und mit der Kultur für die Nachhaltigkeit gearbeitet wird. Das macht Eindruck bei den Menschen und sie erzählen es weiter. So kann die Idee weiter wachsen. Für KIO hat sich zudem gezeigt: Wir sind auf dem richtigen Weg!
Nach so viel Input war erstmal Pause. Zeit für Austausch, Netzwerken, Pläne schmieden. Sich die Bälle zuspielen! Der Markt der Möglichkeiten war jetzt auch geöffnet. Fast zwanzig Kultur- und Tourismusangebote waren präsent, und das Publikum konnte sich bei einem Imbiss treiben lassen, bevor am Nachmittag die Workshops starteten. Sechs Angebote, die noch einmal Themen des Vormittags aufgriffen und vertieften (Riffreporter: Klimakommunikation; Green Events: Nachhaltiges Veranstalten). Aber auch ganz neue Impulse setzten: performative (Landesbühne Nord: Theaterpädagogik), praktische (RenewMerch: Textilrecycling; Zircula: Kreislaufwirtschaft) oder informative (Daniel Thewes/Ostfriesisches Teemuseum: Tee und Klimawandel). Das war alles richtig gut besucht und hat allen Teilnehmenden große Freude gemacht. Ganz zu schweigen vom inhaltlichen Mehrwert.
Der Tag endete dann emotional: Der Poetry Künstler Björn Schoon trug auf der großen Bühne seine »Traumreise« durch ein nachhaltiges Ostfriesland 2050 vor. Der Text wird demnächst auf den Internetseiten des KIO-Projekts veröffentlicht. Der Literat griff dabei zurück auf Material, dass im Zuge des KIO-Projekts entstanden. Bei einer Visionssuche im Theater Lazarett hatten Kulturtätige und Tourismusvertreter ihren Träumen und Visionen von einer nachhaltigen, gemeinsamen Zukunft unserer Region Ausdruck verliehen. Wir hatten das damals dokumentiert. Björn Schoon hat es nun in die richtigen Worte gegossen. Ein schöner Abschluss für einen gelungenen Tag, der Lust machte und Schwung verlieh für die zweite Halbzeit KIO. Der Ball bleibt im Spiel. Wir spielen ihn weiter!
Abbildungen oben: Impressionen vom KIO-Festival 2026 im Zollhaus Leer (Fotos: Patrick Senner, Ostfriesische Landschaft).




































![Erika Willers, [Blick vom Strand Hilgenriedersiel nach Norderney], 2024. Erika Willers, [Blick vom Strand Hilgenriedersiel nach Norderney], 2024.](https://kultur.ostfriesischelandschaft.de/wp-content/uploads/sites/6/2025/04/erika-willer-2024-254x254.jpg)














